Düsseldorf: Von der Vergangenheit eingeholt?
VON STEFANI GEILHAUSEN UND JAN WIEFELS - zuletzt aktualisiert: 02.02.2012 - 02:30Düsseldorf (RP). Der mutmaßliche Helfer des Zwickauer Terror-Trios hielt sich in Düsseldorf politisch zurück. Seit dem Studium engagierte er sich für die Schwulenbewegung. Kontakte zu Rechtsextremen in der Region hatte er in diesen Jahren sicher nicht, schätzen Kenner der Szene.
Als die letzten Kripo-Beamten das Haus verlassen haben, kommt der Schreiner in den dritten Stock, wo ein Schaf die Fußmatte ziert und ein selbstgemaltes "Willkommen" an der Tür hängt. An dieser Tür hat die GSG 9 unübersehbare Spuren hinterlassen, als sie am frühen Morgen Carsten S. abgeholt hat. Dessen Mitbewohner steht sichtlich unter Schock. Den Schreiner, der die Tür notdürftig flicken wird, hat die Polizei geschickt. Ob er von der Vergangenheit seines Freundes wusste? "Ich sage gar nichts."
Die Nachbarschaft der beiden Männer ist schockiert. Oberbilk gehört zu den Düsseldorfer Stadtteilen mit dem höchsten Migranten-Anteil. 147 Nationalitäten leben dort. Vor zwei Monaten hat der Generalbundesanwalt ein paar Straßen weiter schon einmal eine Wohnung durchsuchen lassen. Da ging es um mögliche Al-Quaida-Unterstützer. Und jetzt also ein mutmaßlicher Ex-Neonazi. Die meisten Nachbarn gehen auf Abstand. "Nie gesehen", sagen sie. Und wenn, dann höchstens mal gegrüßt.
In der Düsseldorfer Aidshilfe ist das anders. Da hat Carsten S. seit sechs Jahren einen festen Arbeitsplatz in Teilzeit. Ein geschätzter Kollege, nett und zuverlässig. Bloß gestern erschien er nicht im Büro. Als Yvonne Hochtritt in den Nachrichten von der Festnahme eines angeblich ausgestiegenen Neonazis in Düsseldorf hörte, ahnte sie, dass S. sich nicht einfach verspätet hatte. Dann klingelte auch schon das Telefon, und vor der Tür baute die Tagesschau die Kamera auf.
Am späten Nachmittag tritt Geschäftsführer Peter von der Forst vor die Presse und distanziert sich zu erst einmal namens der Vorstände, Geschäftsführer und Mitarbeiter von jeglichem rechtsextremen Gedankengut. Bis eben hatte er noch mit Grippe im Bett gelegen, jetzt ist ihm anzusehen, dass ihm nicht nur die zusetzt. "Unser Mitgefühl gilt den Opfern rechter Gewalt" betont er mehrfach, um dann von Carsten S. zu berichten, der sich irgendwann am Anfang des Arbeitsverhältnisses als gewesener Rechtsextremist geoutet habe. "Ich fand es richtig, auch so jemandem eine Chance zu geben", sagt von der Forst. Von Straftaten oder gar von der Unterstützung einer Terrorgruppe habe S. natürlich nichts gesagt. "Sonst hätten wir ihn auch nicht behalten."
Carsten S. blieb. Er beriet Schwule und Lesben, betreute auch das "Überfall-Telefon", über das Gewaltopfer Rat und Hilfe suchen. Er lebt in einer schwulen Beziehung, arbeitet in der HIV-Prävention, hat einen zweiten Job in einem Jugendzentrum für Schwule und Lesben. Auch dort mag gestern niemand glauben, was der Generalbundesanwalt mitgeteilt hat: dass S. zu sechs Morden des Neonazi-Trios Beihilfe geleistet haben soll.
Selbst die Antifa-Gruppen, die S. 2004 in einem alternativen Stadtmagazin zum Thema machten und ihm so die Wahl ins Schwulenreferat der Düsseldorfer Hochschulen verbauten, reagierten erstaunt auf die Nachricht, dass der Sozialarbeiter dem "Nationalsozialistischen Untergrund" noch "2001 oder 2002" eine Waffe besorgt, bis 2003 Kontakt zum Zwickauer Terror-Trio gehabt haben soll. "Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, dass dieser Typ überhaupt mal Nazi gewesen sein soll", sagte einer aus dem linken Spektrum, der mit S. vor Jahren auch über dessen Ausstieg gesprochen hat. Kenner der Szene schließen aus, dass S. in seiner Düsseldorfer Zeit mit dortigen Rechtsextremisten Kontakt hatte.
Vor elf Jahren, ließ Carsten S. vorige Woche von seinem Anwalt ausrichten, habe er "ein neues Leben" begonnen. Er reagierte damit auf einen Bericht im "Spiegel", der sich auf "Geheimdienstpapiere" bezieht, in denen von S.' Ausstieg Ende 2000 die Rede sein soll. Der Funktionär der Jungen Nationaldemokraten wird als Kamerad aus dem Spitzenkader der thüringischen Neonazis beschrieben.
Aus Jena war Carsten S. laut "Spiegel" aber erst 2003 nach NRW gekommen, lebte drei Monate in einem Studentenwohnheim in Köln, bevor er im Herbst sein Studium an der Düsseldorfer Fachhochschule aufnahm und in die Landeshauptstadt zog. Schon damals soll er im privaten Umfeld auch über sein Vorleben in der Nazi-Szene gesprochen haben, zu dem auch Nachwuchsschulungen und die Anmeldung von Aufmärschen gehörten. Nur bei seiner Bewerbung fürs Schwulenreferat der Hochschulen verschwieg er die Vergangenheit. Nach einem Bericht des autonomen Stadtmagazins verzichtete er aber auf den Posten. "Er war sehr einsichtig, wollte die Arbeit des Referats nicht durch seine Vergangenheit gefährden", berichten Bekannte. Gestern Morgen hat ihn die Vergangenheit wohl eingeholt.
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