Jülich: Unterwegs auf der Castor-Strecke
VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER (TEXT) UND HANS-JÜRGEN BAUER (FO - zuletzt aktualisiert: 02.12.2011 - 02:30Jülich (RP). Ab 2012 sollen Castor-Transporte von Jülich bis nach Ahaus rund 180 Kilometer quer durch NRW fahren. Die mögliche Strecke könnte durch Erkelenz, Nettetal und Wesel führen. Vielen Anwohnern an der Route fehlt das Verständnis, warum die Castoren über die Straße transportiert werden.
Ein kilometerlanger Zaun aus Stachel- und Maschendraht umgibt das Forschungszentrum Jülich. Das Gebäude ist abgeriegelt wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Der einzige Zugang wird mit Kameras überwacht. Nur wer sich als Mitarbeiter ausweisen kann oder eine Sondergenehmigung für das Betreten des Geländes hat, wird von den Sicherheitsleuten vorbeigelassen. Eine fast schnurgerade, 2500 Meter lange Privatstraße führt von der im Wald gelegenen Forschungseinrichtung zurück in die Stadt Jülich. Verkehrsschilder warnen die Autofahrer auf dem Weg vor Rollsplitt, es herrscht Tempolimit 70. Es sind die ersten Straßenmeter, über die die Castor-Transporte im nächsten Jahr rollen werden.
Ab 2012 sollen 152 Behälter mit Atommüll auf Lastwagen verladen und ins Zwischenlager Ahaus gefahren werden – das hat der Aufsichtsrat des Forschungszentrums Jülich vorgestern beschlossen. Ein Antrag der NRW-Landesregierung, die umstrittenen Transporte zu stoppen, wurde abgelehnt. Die Brennelemente sollen bis zum 30. Juni 2013 in Ahaus eingelagert werden. Nach Einschätzung der Landesregierung sind dafür 152 Fahrten erforderlich. Von Jülich bis nach Ahaus sind es etwa 180 Kilometer, der Atommüll soll auf Spezialfahrzeugen ausschließlich auf Landstraßen transportiert werden. Die mögliche Route könnte über Erkelenz, Schwalmtal, Viersen, Nettetal, Wesel und Borken führen.
Direkt nach Verlassen der Forschungsstation wartet die erste Belastungsprobe: ein Kreisverkehr, den der Castortransport passieren muss – will man einen größeren Umweg vermeiden. Es wäre der schnellste Weg nach Ahaus, der allerdings auch direkt durch das Zentrum der knapp 33 000 Einwohner zählenden Kleinstadt führen würde. Die Stimmung bei den Bürgern über den geplanten Transport ist geteilt. "Irgendwo muss das Zeug schließlich hin", sagt Johann Hoffmann (57). "Hauptsache ist aber, dass der Atommüll endlich aus unserer Stadt geschafft wird." Samantha R. (22) und John W. (20) meinen hingegen: "Wir brauchen eine andere Lösung für das Problem. Die Transporte sind unnötig und überflüssig." Viele Jülicher wussten gestern noch nichts von den geplanten 152 Atommüll-Fahrten durch ihre Stadt. "Das Forschungszentrum hätte uns darüber öffentlich informieren müssen – da wurde wieder mal was hinter dem Rücken der Bürger beschlossen", beklagt der Jülicher Erwin Kramer.
Nach Jülich führt der mögliche weitere Weg über Landstraßen (L 366 oder L 241) ins etwa 30 Kilometer entfernte Erkelenz. Die Straßen bis dahin sind zum Teil sehr schmal und zweispurig – für den Castor-Transport müsste die Spur für den Gegenverkehr gesperrt werden. Zudem müssen kleinere Ortschaften wie Hompesch oder Hottorf weiträumig umfahren werden, weil die Spezialfahrzeuge in den verwinkelten Gassen wohl steckenblieben.
In Erkelenz will man friedlich protestieren, sollte der Castor kommen. "Wir werden unsere Verärgerung darüber mit Sicherheit zum Ausdruck bringen", sagt Stefanie Müller und fragt: "Warum muss der ausgerechnet durch unsere Stadt fahren?" Im rund 50 Kilometer entfernten Nettetal, wo die Strecke ebenfalls langführen könnte, mokieren sich die Anwohner ebenfalls. "Wieso muss der Transport überhaupt an oder durch Städte rollen?", argumentiert Holger Baumeister. So seien doch Proteste programmiert. Und sein Sohn Simon meint: "Die sollen die Castoren wie gehabt auf den Schienen und nicht auf den Straßen transportieren."
Rund 70 Kilometer weiter in Wesel könnte der Castor das erste Mal den Rhein überqueren – auf dem Weg nach Ahaus ist das irgendwann unausweichlich. Aus Issum kommend würde der Transport über die Bundesstraße 58 durch Alpen, Büderich und Wesel fahren. Knackpunkt an dem Szenario: Die kleine Lippe-Überquerung, die an die Weseler Rheinbrücke anschließt, ist nicht für den Schwerlasttransport ausgelegt. Alternativen wären die Rheinbrücken in Duisburg, Rees und Emmerich. Von dort aus würde die Fahrt dann weiter über Borken bis ins Zwischenlager Ahaus gehen. 152-mal.
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