Tenor im Sondereinsatz
VON REGINA GOLDLÜCKE - zuletzt aktualisiert: 17.01.2011 - 02:30An der Rheinoper bereitet der 35-jährige Schwede Anders Dahlin zurzeit seine zweite Premiere vor. Er beherrscht das seltene Fach des Haut-Contre, das vorwiegend in der französischen Barockoper benötigt wird. "Ich bin ein normaler Tenor, der einen speziellen Stil des Singens pflegt", sagte er selbst.
Lässig schlendert er in die Opernkantine. Wirft die Lederjacke über den Stuhl, behält die Kappe auf. Würde man Anders Dahlin auf der Straße begegnen, käme man kaum auf die Idee, es mit einem berühmten Tenor zu tun zu haben. Der 35-jährige Schwede beherrscht das rare Fach des Haut-Contre, das vorwiegend in der französischen Barockoper gebraucht wird. "Mit einem Countertenor hat das nichts zu tun", stellt er klar. "Ich bin ein normaler Tenor, der einen speziellen Stil des Singens pflegt."
An der Rheinoper bereitet Anders Dahlin gerade seine zweite Premiere vor. Nach "Les Paladins" widmet er sich mit "Platée" erneut einem Werk des französischen Komponisten Jean-Philippe Rameau (1683–1764). Die Titelpartie der mannstollen Sumpfnymphe hat er schon einmal in Kiel gesungen. "Aber die Düsseldorfer Inszenierung von Karoline Gruber ist vollkommen unterschiedlich", betont er. "Ihre Interpretation bringt auf faszinierende Weise alles zusammen."
Das Werk, ausgewiesen als "Ballet bouffon", ist in der Welt der Götter und Mythen angesiedelt. "Die Geschichte ist wundervoll", schwärmt der Sänger, "verspielt und witzig, leichtfüßig wie im Kindertheater." Über das Geschlecht des Wasserwesens entscheidet allein die Sichtweise des Regisseurs. Karoline Gruber lässt ihre Titelfigur als Frau auftreten. Dahlin gefällt das. Benimmt oder bewegt er sich deshalb anders? Er grübelt. "Eine schwierige Frage." Pause. "Ich habe darauf keine Antwort." Noch eine Pause. "Du kannst nicht verstecken, dass da ein Mann eine Frau spielt", sagt er dann. "Aber obwohl ich ein Kleid trage, machen wir daraus keine Travestie. Ich stehe nicht als Drag Queen auf der Bühne." Trotz der heiteren Ausprägung der Oper sei Platée ein schwieriger Charakter. "Sie geht auf eine innere Reise, schert sich nicht darum, was andere denken, kennt kein Mitgefühl. Eigentlich hat sie autistische Züge."
Große Gesten fordert die Regisseurin ihm nicht ab, im Gegenteil. "Weniger, mach weniger, heißt es immer. Das musste ich erst lernen." Wir unterbrechen das Gespräch. Der Fotograf kommt und lotst ihn ins Foyer. "Das war lustig", sagt er anschließend. "Ich mag es, wenn mir jemand vorschreibt, was ich tun soll. Auch bei Regisseuren. Die Proben gehen dann viel schneller voran. Natürlich bringe ich auch meine eigenen Gedanken ein. Nur so erreichen wir eine Synthese."
Anders Dahlin wuchs mit zwei Brüdern auf einem Bauernhof auf. Wie entdeckte er sein Talent? "Das ist ein Klischee", korrigiert er. "Nicht ich habe die Musik, die Musik hat mich gefunden." Das Gesangsstudium verdrängte seinen ursprünglichen Berufswunsch, Meeresbiologe zu werden, zu forschen, der Natur ganz nah zu sein.
Der international gefragte Star wohnt in Malmö. Aber wirklich daheim fühlt er sich nur auf dem elterlichen Hof. "Das Beste am Reisen ist das Nachhausekommen. Je länger ich unterwegs bin, desto stärker spüre ich meine Wurzeln und weiß genau, wohin ich gehöre." 2010 war er nach hektischen Monaten des Herumreisens müde und gönnte sich eine Auszeit. "Das war herrlich, zumal ich wusste, wie es weitergeht. In zwei Jahren warten sieben Produktionen in sieben europäischen Städten auf mich. Besonders gespannt bin ich auf ein zeitgenössisches französisches Werk über Caravaggio." Anders Dahlin begründet, warum er sich mit Leib und Seele der französischen Barockoper verschrieben hat: "Die Melodien sind schwungvoll, sie erinnern oft sogar an Tanzmusik. Es gibt keine strengen Regeln wie bei Bach. Jeder Dirigent folgt seiner eigenen Interpretation, als Sänger muss man da sehr flexibel sein." Seine Anatomie eigne sich für kein anderes Fach. "Mit dieser Stimme bin ich geboren, nichts daran wurde verändert. Du kannst nur mit der Farbe malen, die du hast. Die Basisfarben sind gleich, es kommt darauf an, wie sie auf der Palette gemischt und aufgetragen werden. Ich bevorzuge die feinen Striche."




