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So war meine Musterung

zuletzt aktualisiert: 15.09.2010 - 02:30

Die Tauglichkeitsprüfung für Militär- und Zivildienst könnte bald nur noch ein Stück Geschichte sein. Doch bis ein neues Wehrpflichtgesetz erlassen ist, müssen junge Männer damit rechnen, ins Kreiswehrersatzamt einbestellt zu werden.

Wesel / Mönchengladbach (jüma, ock, seda, tist, vo) Es ist 14.30 Uhr im Kreiswehrersatzamt Wesel. 28 junge Männer haben Medizinaldirektorin Emilie Hedwig (50) und ihr Kollege an diesem Tag untersucht. Rund 2000 Wehrpflichtige mustern die Mediziner beim Weseler Kreiswehrersatzamt im Schnitt pro Jahr. Aber nicht mehr lange. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg will mit der Wehrpflicht auch die Musterung abschaffen. "Mit einem Mal", sagt Emilie Hedwig, "wird die eigene Arbeit ein Stück Zeitgeschichte."

Neben der Führerscheinprüfung und dem Abitur hat in der jüngeren Vergangenheit kaum ein Ereignis im Leben eines jungen Mannes derartige Adrenalinschübe ausgelöst wie der Gang zur Musterungskommission. Dort entscheiden die Mediziner, ob und, wenn ja, für welche Verwendung der Wehrpflichtige diensttauglich ist.

Die Methoden, wie man sich angeblich zuverlässig ein "untauglich" erschleicht, kennt jeder Musterungsarzt. Nachzulesen sind sie aber auch in einschlägigen Internetforen. Da wird zu massivem Kaffeegenuss, Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch geraten. Selbst der Verzehr von Zahnpasta soll in der Lage sein, zur gewünschten Ausmusterung beizutragen. Gerne erzählt wird auch die Geschichte von dem Wehrpflichtigen, dem es gelungen sein soll, seine Urinprobe mit der seiner diabeteskranken Freundin zu vertauschen. Tatsächlich stellten die Ärzte nicht nur eine Diabeteserkrankung, sondern auch eine Schwangerschaft fest.

Inzwischen ist die Atmosphäre in den Musterungsbüros einen Tick entspannter geworden. Zum einen geht es heute nicht mehr um eine Dienstzeit von 18 Monaten wie noch bis 1972. Rekruten müssen heutzutage nur noch sechs Monate dienen. Schon geringes Übergewicht oder ein leichtes Asthma kann gegenwärtig zur Ausmusterung führen.

1983 betrug die Wehrdienstzeit 15 Monate. In diesem Jahr wurde Otto Fricke, jetzt Krefelder Bundestagsabgeordneter der FDP, gemustert. Er erinnert sich so: "Ich war 1983 im Kreiswehrersatzamt Krefeld zur Musterung. Eigentlich wollte ich zu den Gebirgsjägern, was durch mein rechtes Bein verhindert wurde, welches 0,5 cm kürzer ist als mein linkes. ,Was hilfreich ist, wenn man auf der einen Seite um den Berg herumläuft, ist sehr hinderlich, wenn man die andere Richtung um den Berg herumläuft', sagte man mir. So kam ich schließlich zur Luftwaffe ."

Wurden 2000 noch 86,3 Prozent der Gemusterten für tauglich befunden, waren es 2008 nur noch 54,1 Prozent. Auf einem ähnlichen Niveau bewegt sich die Tauglichkeitsquote auch in Wesel. In Mönchengladbach liegen die Zahlen etwas höher. Dort rät Klaus Link, Leiter des örtlichen Kreiswehrersatzamtes, dringend davon ab, Krankheiten zu simulieren. In solchen Fällen laufe man Gefahr vorübergehend untauglich geschrieben zu werden. "Damit hat man keine Planungssicherheit", sagt Link.

Die haben aber auch die Mediziner in den Kreiswehrersatzämtern nicht. Wann die Ministeridee Gesetz wird, ist noch unklar. Vorläufig wird weitergemustert.

Internet Leser erzählen von ihrer Musterung: www.rp-online.de/politik

Quelle: Rheinische Post

 
 
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