So klingt die Nacht im Museum
VON BERND SCHUKNECHT - zuletzt aktualisiert: 15.11.2010 - 02:30Zur Quadriennale luden die Düsseldorfer Museen bei freiem Eintritt zum Festival. Bis in den Sonntagmorgen traten Musiker auf, die Kunst und Klang miteinander verbinden. Ein Höhepunkt: Der Auftritt von Becher-Schüler Stefan Schneider mit seiner Band To Rococo Rot im Museum Kunstpalast.
Lag es am Dauerregen? Lag es an der Uhrzeit? Zum Start der Veranstalung von "Phoneheads – in/output" im Museum Kuns palast hatten sich gerade mal zwei Dutzend Neugierige auf die Galerie des Musentempels verlaufen. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe irrt durch das Foyer. In der Tat ist 20 Uhr für eine Szene, die ansonsten erst gegen Mitternacht zu wochenendlichen Vergnügungen aufbricht, ungewohnt. Mit seiner analog-digitalen Mischung aus Ethno-Perkussion, Elektro und Soul beschallt Philipp Maiburg die Cafeteria, die sich zwar "Kristallbar" nennt, aber von Club-Atmosphäre weit entfernt ist.
Die Idee, im Rahmen der Quadriennale Bands, die in Kunst und Musik gleichermaßen engagiert sind, ein Forum zu geben, folgt einer langen Tradition. Seit den ersten Nachkriegsjahren floss ein Teil der Kreativität von jungen Anhängern der bildenden Kunst in musikalische Sphären. Insbesondere was elektronische Pop-Musik anbetrifft, zählt die Szene rund um die Kunstakademie zu der vitalsten.
Trotz Sprints durch den Regen ist es für die Führung durch die Fotoausstellung "Der Rote Bulli" von Stephen Shore mit dem früheren Becher-Schüler Stefan Schneider im NRW-Forum bereits zu spät. Im Windfang überrascht eine neuartige Installation, die sich dann aber als ein Berg zwischengelagerter Regenschirme entpuppt. Im Foyer herrscht in Erwartung des Auftritts von To Rococo Rot bereits dichtes Gedränge. Das Düsseldorf-Berliner Elektronik-Trio mit Stefan Schneider setzt auf Grooves von Schlagzeug und Bass, über die sich atmosphärisch breite oder auch mal filigrane Elektro-Schleifen legen. Der dominierende Rhythmus versetzt den Kopf von Diakonie-Chef Thorsten Nolting in Bewegung. "Heute bin ich ausschließlich wegen der Musik hier, aber was ich von Nam June Paik gesehen habe, hat mich neugierig gemacht, die Ausstellung werde ich mir wahrscheinlich noch mal richtig ansehen", sagt Sebastian Vaupel. "Mit Shore und Paik habe ich bereits zwei Quadriennale-Ausstellungen gesehen", bekennt George Popov und bewegt sich damit auf der gleichen Linie, die Musik und Kunst im wirklichen Leben säuberlich trennt.
Das Museum Kunstpalast hat sich inzwischen gefüllt, und auf der Bühne präsentiert sich eine Art modernistischer Alleinunterhalter. "Neustadt, Neustadt" singt er und sorgt so dafür, dass der Name seines Musikprojekts im Gedächtnis bleibt. Der Sound baut auf Althergebrachtes, stahlharte Perkusssionsounds à la Die Krupps verbinden sich mit fiepsenden Synthesizer-Sounds der ersten Moog-Ära.
Dagegen rückt die Echtzeit weiter vor. Jetzt geht es wieder durch den Regen zum Rheinflügel der Kunstakademie, wo die Coverband Lederlust sowie das DJ-Projekt Genre angesagt sind. In dem Gebäude fühlt man sich wie ein unfreiwilliger Teilnehmer einer Übungseinheit für Feuerwehrmänner. Bereits kurz nach dem Eingang sorgt eine extreme Überdosis Kunstnebel dafür, das man allein auf Gehör und Tastsinn angewiesen ist. Bierflaschen zersplittern. Sollte das eine Kunstaktion sein, ist sie extrem gefährlich.
Der nahende Auftrittstermin von Kreidler im Salon des Amateurs verhindert ein weiteres Erkunden der Kunstakademie. Der Salon ist erwartungsgemäß überfüllt von Wasserdampf und Zigarettenrauch emittierenden Menschen. Ehe Kreidler den ersten Ton spielen, wird die Eingangstür auch schon geschlossen. Neben bekanntem Material werden auch neue, noch unveröffentlichte Songs vorgestellt. Zahlreiche Fans harren unter Schirmen auf der Terrasse aus. Für die Musik von Kreidler gibt es zweifellos idealere Konzertbedingungen. Aber das Gefühl, an diesem Abend unbedingt dabei sein zu müssen, ist wohl übermächtig.
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