Reizworte: "Die Fahrkarten bitte"
VON STEFANI GEILHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 25.05.2010 - 02:30Wenn sie zur Arbeit gehen, müssen sie immer gewappnet sein gegen verbale und körperliche Angriffe. Die Rheinbahn-Kontrollschaffnerinnen Birgitt Waßerberg, Ursula Heinz und Sigrun Kruse-Heckmann mögen ihren Job trotzdem – weil es auch viele nette Menschen gibt.
Es gibt Bilder, die lassen einen auch nach Jahren nicht los. Obwohl Ursula Heinz genau weiß, dass es nicht ihre Schuld war, dass der Junge aus der Bahn gerannt war, als sie ihn nach dem Fahrschein fragte. Und dass ihn dann ein Auto erfasst hat. Seitdem hat sie ein mulmiges Gefühl, wenn einer wegrennt. "Was, wenn er aufs Nachbargleis läuft und von einer Bahn erfasst wird?"
Seit 30 Jahren ist Heinz bei der Rheinbahn, erst als Busfahrerin, später im Sicherheitsdienst. Als sie den Fahrdienst körperlich nicht mehr schaffte, ist sie zur Fahrscheinkontrolle gewechselt. Jetzt hat sie im Monat ein paar Hundert Euro weniger und außerdem fast täglich die Garantie, beschimpft und beleidigt zu werden. Trotzdem, sagt sie, überwiegt der Spaß am Job. "Alles eine Frage der eigenen Einstellung."
Der Ton ist rauer
Früher war das anders. Als Birgitt Waßerberg im Kontrolldienst anfing – das war 1985 –, da gab es noch keinen Sicherheitsdienst und keine Deeskalationstrainings für die Kontrolleure. "Da sind wir einfach in die Bahnen und haben gesagt ,den Fahrschein bitte'. Gemeckert wurde selten."
In dem Maß, in dem die Arbeitslosigkeit anstieg, sei auch die Zahl der so genannten Schwarzfahrer gewachsen, sagt Waßerberg. Und dass die Aggressivität in der Gesellschaft wachse, das konnten sie und ihre Kolleginnen in den Rheinbahn-Zügen miterleben. Mitte der 90er Jahre war es besonders schlimm. Die Hälfte aller Kontrolleure war da jedes Jahr von massiven Übergriffen betroffen. Erst, als die Rheinbahn einen Sicherheitsdienst engagierte, hat sich das geändert. Heute gibt es nur noch selten Angriffe auf Kontrolleure. Aber den Ton ist rauer geworden. Am schlimmsten, sagt Sigrun Kruse-Heckmann, seit zehn Jahren dabei, "sind die, von denen man es am wenigsten erwartet." Die Herren im Anzug und Krawatte, oder die schicken Damen, die Kontrolleure behandeln wie lästige Insekten, die zwar Tickets haben, aber sich aus Prinzip weigern, sie zu zeigen und dabei nicht selten ausfällig werden. Auf die Justiz dürfen die Kontrolleure nicht hoffen. Ein Richter hat Kruse-Heckmann mal gesagt, sie brauche in ihrem Beruf eben "ein höheres Duldungspotenzial". Bisweilen hilft es, eine Frau zu sein. Kürzlich hat Kruse-Heckmann einen Mann ohne Ticket erwischt, der gerade aus der JVA entlassen war. Der hat zu ihr gesagt: "Wenn Sie ein Kerl wären, hätte ich Sie weggehauen." Weiter Pluspunkt für die drei Kontrolleurinnen: Sie sind Rheinbahner mit Leib und Seele, alle noch als Zugbegleiter ausgebildet und mit dem Unternehmen gewachsen. Kontrolleure anderer Firmen, die die Rheinbahn heute aus Kostengründen mit an Bord nimmt, konzentrierten sich auf ihre Aufgabe, könnten den Kunden aber oft nicht auf andere Fragen als die zum Ticket antworten. Man muss wohl eingeborener Rheinbahner sein, um einer alten Dame die vergessene Handtasche hinterher zu bringen oder den Frauen dreier britischer Messegäste einen 50-Euroschein zu wechseln, weil die sonst kein Ticket hätten kaufen können. Manchmal gibt's dann Dankesbriefe, öfter mal ein Lutschbonbon oder auch 'nen Apfel. Das sind dann die positiven Seiten des Jobs, an die man nach Feierabend gerne denkt.
Die zittrige Omi ohne Ticket, der sie keine Strafe aufbrummten, sondern ihr besorgt auch noch persönlich auf den Bahnsteig halfen, ist auch so eine gute Geschichte. Nicht, weil sie einen Dankesbrief schickte. Sondern, weil sie, kaum fuhr die Bahn mit den Kontrolleuren wieder los, ihnen grinsend den "Stinkefinger" zeigte.
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