Lebensretter in letzter Minute
VON ANNE HEMMES - zuletzt aktualisiert: 21.12.2011 - 02:30Petra Jockel hat einen Herzinfarkt erlitten, während sie arbeitete. Weil sie alleine war, lag sie neun Minuten bewusstlos am Boden. Michael Berenz fand sie und rettete ihr mit seinem schnellen Einsatz das Leben. Nun haben sich die beiden zum ersten Mal getroffen.
Petra Jockel hat Tränen in den Augen. "Ich bin einfach dankbar", sagt sie und schaut Michael Berenz an. Der 51-Jährige hat Jockel das Leben gerettet; vor ein paar Minuten hat sie ihn zum ersten Mal gesehen. Fünf Minuten lang hat sie ihren Lebensretter nur umarmt und nichts gesagt. "Ich wollte ihn sofort treffen, aber ich wollte auch, dass meine Frau erst mal gesund wird und dann gemeinsam mit ihr alles aufarbeiten", sagt ihr Mann, Jürgen Jockel. Dass Petra Jockel gesund ist, hat sie vor allem auch Berenz zu verdanken.
Die Erinnerung ist weg
Am 31. Juli arbeitete die 49-Jährige an einer Tankstelle an der Theodorstraße gegenüber vom ISS-Dome. Es war Sonntag und außer ihr war niemand da. "Ich habe gar keine Erinnerung mehr an diesen Tag und auch davor fehlt mir ein guter Monat", sagt Jockel, die an dem Tag einen akuten Herzinfarkt hatte. Sie wurde bewusstlos, es kam zum Herzstillstand. "Sie erlitt einen akuten Herztod, war klinisch tot", sagt Oberarzt Markus Meyer-Geßner vom Augusta-Krankenhaus, in dem Jockel behandelt wurde. Auf einem Überwachungsvideo der Tankstelle ist zu sehen, wie Petra Jockel sich an die Brust fasst. Ein paar Minuten später rutscht sie von der Bank, auf der sie saß, zu Boden.
Neun Minuten vergehen bis Michael Berenz auftaucht und Erste Hilfe leistet. "Drei Minuten nach einem Herzstillstand ist mit Schäden zu rechnen", erklärt Rolf Michael Klein, Chefarzt der Kardiologie vom Augusta-Krankenhaus. "Ab zehn Minuten gibt es Schäden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können." Berenz war an dem Sonntag im Juli beruflich unterwegs und wollte auf dem Weg nach Hause tanken. "Als ich in die Tankstelle kam, standen da schon zwei Leute. Ich war irritiert, weil niemand an der Kasse war und habe mich umgesehen." Als er Petra Jockel auf dem Boden liegen sah, "passierte alles ganz automatisch". Er lief zu seinem Wagen, um den Notarzt zu rufen und reanimierte Jockel. "Mir ist auf einmal alles aus meinem Erste-Hilfe-Kurs für die Führerscheinprüfung wieder eingefallen", sagt Berenz. Jockel wurde ins Krankenhaus gebracht. Nach der Diagnose und den ersten Notfallbehandlungen wurde ihre Körpertemperatur mit Hilfe eines Cool-Guard-Systems für 24 Stunden auf 33 Grad herabgesetzt. "Auf diese Weise können Schäden am Gehirn erheblich reduziert werden", erklärt Klein. Eine Woche lang wurde Jockel künstlich beatmet, lag im Koma. Zweimal war sie bereits in einer Rehabilitationsklinik.
Für die Ärzte sind Berenz und Jockel ein positives Beispiel, wie in einem solchen Fall gehandelt werden sollte. "Herr Berenz hat alles richtig gemacht", sagt Meyer-Geßner. "Petra Jockels einzige Chance war, dass jemand in die Tankstelle kommt und handelt." Berenz war nach seiner Rettungsaktion erst mal durcheinander. "Meine Frau hat mich abgeholt und nach Hause gefahren. Da habe ich das alles erst wirklich verarbeitet." Auf dem Überwachungsvideo ist auch zu sehen, dass bereits vor Michael Berenz eine Frau in die Tankstelle kommt, aber wieder geht, ohne zu helfen. "Es war Sommer, es war hell. Jeder, der reinkam, hätte meine Frau sehen müssen", sagt Jockel. Für Berenz war klar, dass er "sie nicht einfach liegen lassen kann". Nach dem Vorfall fragte er immer wieder bei der Tankstelle nach, ob die Mitarbeiter etwas gehört hätten. "Ich weiß erst seit gestern, dass sie lebt und ich habe mich fürchterlich gefreut."
Petra Jockel spricht noch leise und vorsichtig. Sie macht Krankengymnastik und Sprachtherapie. "Ich musste alles neu lernen: essen, alleine anziehen, laufen, sprechen und schreiben." Als sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal das Überwachungsvideo sah, war das unwirklich für sie. "Ich konnte es nicht richtig realisieren", sagt die Frau mit den kurzen blonden Haaren und blickt Berenz an. "Wenn er nicht gewesen wäre, dann wäre ich jetzt nicht hier."
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