Langes Warten unter der Aschewolke
VON HANS ONKELBACH, ANJA SETTNIK UND DIETER DORMANN - zuletzt aktualisiert: 17.04.2010 - 02:30Auf den Flughäfen in Düsseldorf und Weeze sind gestern sämtliche Starts und Landungen gestrichen worden. Ob der Flugbetrieb heute vormittag wieder aufgenommen werden kann, war gestern noch unklar. Tausende Passagiere saßen auf den Airports fest, warteten dort auf neue Nachrichten, suchten nach freien Hotelzimmern oder Mietwagen.
Düsseldorf/Weeze Ausnahmezustand auf den Flughäfen im Land: Nichts geht mehr. "Annulliert" ist ausnahmslos auf den Anzeigetafeln in den Terminals zu lesen. Vor den Schaltern der Fluggesellschaften stehen endlose Schlangen von Passagieren, die nicht wissen, wann und wie sie ihr Reiseziel erreichen können.
"Die Aschewolke hat nun auch den Luftraum über Nordrhein-Westfalen erreicht." Diese Nachricht erfahren die Passagiere am frühen Morgen auf dem Düsseldorf er Flughafen per Lautsprecherdurchsage. Die Konsequenzen sind dramatisch: Anders als sonst startet um 6 Uhr kein Flugzeug in die Luft, die Liste der gestrichenen Flüge wird minütlich länger. Spätestens um 9 Uhr steht fest: Hier geht vorläufig gar nichts.
Zeitweise keimt Hoffnung, am frühen Nachmittag abheben zu können. Dann soll um 18 Uhr der Luftraum wieder frei sein. Schließlich wird entschieden: Bis zum Samstagmorgen werden alle Flüge gestrichen. Damit ist auch der Plan vom Tisch, ausnahmsweise die ganze Nacht starten und landen zu wollen. Vorsichtshalber hatte man dies beim zuständigen Ministerium beantragt, sagt Flughafen-Chef Christoph Blume. Er hat auch nachprüfen lassen, ob es eine vergleichbare Situation in der zivilen Luftfahrt schon einmal gegeben hat. Ergebnis: Nein, es ist einmalig, dass der Luftraum mehrerer Länder komplett gesperrt wird.
Die Konsequenzen sind enorm: Flieger, die in Amsterdam landen sollten, kommen in der Nacht zu gestern nach Düsseldorf, weil dort noch Landungen möglich sind. An Bord sind Menschen ohne Visum für Deutschland. Das Düsseldorfer Ausländeramt schickt eine Art Büro auf Rädern und hilft mit mehr als 100 Ausnahme-Visa. Eine Maschine aus den USA, die in Düsseldorf nicht runter darf, muss auf einen abgelegenen Flughafen in Spanien ausweichen. Andere landen ungewollt am Rhein und verbringen die Nacht im Flughafen: 300 Feldbetten stehen für sie bereit, Speisen und Getränke gibt's ebenfalls.
100 Notschlafstätten sind in der Nacht auch am Flughafen in Weeze am Niederrhein aufgestellt worden. Dort fallen gestern 35 Starts und Landungen der Aschewolke aus Island zum Opfer. 10 000 Passagiere sind betroffen. Einige Hundert stranden an dem Flughafen, von dem vor allem Jets der Billig-Airline Ryanair starten. Die meisten aber haben sich im Internet informiert und sind Zuhause geblieben.
Auch die Internet-Seite des Düsseldorfer Airport registriert 160 000 Klicks pro Stunde – Rekord. "Gut, dass wir deren Leistungsfähigkeit gesteigert haben", sagt Blume. Die Web-Site hält dem Andrang stand. Ihr ist vor allem zu verdanken, dass viele nicht erst im Terminal erfahren: Alle Flüge gestrichen, in Düsseldorf geht nichts mehr.
Bis zum Mittag harren mehrere tausend Menschen im Abflugterminal auf, zum Nachmittag hin sinkt die Zahl. Viele nutzen das Angebot nebst Gutschein angenommen, ein Hotelzimmer zu beziehen. Sie haben Glück: In Düsseldorf endet die Doppel-Messe WireTube – bis gestern waren die Herbergen ausgebucht, nun gibt es einige freie Kapazitäten: Bettenwechsel mal anders. "Wenn die Wolke am Dienstag oder Mittwoch gekommen wäre, wäre das schwieriger geworden", sagt ein Sprecher des Düsseldorfer Hilton Hotels. "Da waren wir ausgebucht." 90 freie Zimmer hat am Nachmittag selbst das nahe am Flughafen gelegene Lindner Airport Hotel noch frei. Das Sheraton Airport Hotel ist zu diesem Zeitpunkt dagegen schon voll belegt.
Großes Gedränge herrscht auch vor den Schaltern der Mietwagenfirmen. Alle Anbieter melden: Die Nachfrage ist extrem. Sixt will versuchen, seine Mietwagenflotte von 70 000 Wagen in Europa kurzfristig um 200 Autos aufstocken. Händler und Hersteller sollen bestellte Fahrzeuge früher liefern. Europcar rät den Kunden, Fahrgemeinschaften zu bilden, damit auch die ans Ziel kommen, für die es keinen Mietwagen mehr gibt.
Für die Reisegruppe, die auf dem Weg nach Palma de Mallorca ist, ist das wohl keine Lösung. Auf der Balearen-Insel wartet das Kreuzfahrtschiff Aida, mit dem sie an diesem Tag um 20 Uhr zu einer Mittelmeerkreuzfahrt auslaufen wollten. Das ist wohl kaum noch zu schaffen.
Markus Lottnow aus Velbert kann trotz Warterei lächeln. Der Tourismus-Fachmann will nach Island – ausgerechnet. Er nimmt's gelassen. Wie die meisten anderen auch: Mutter Naturs Eingriff in den Flugplan wird hingenommen als das, was er ist – höhere Gewalt.
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