Körper als Spiegelbild der Seele
VON JASMIN MAUS - zuletzt aktualisiert: 06.10.2012 - 02:30Provokant, radikal, direkt – das sind Adjektive, mit denen sich Werke von Dave St-Pierre einkleiden lassen. Mit seinem neuen Stück "New Creation" war der kanadische Choreograf im Tanzhaus NRW zu Gast – und präsentierte seinem Publikum eine zweistündige Show gespickt mit emotionalen Detonationen.
Die ästhetische Handschrift St-Pierres, den die Wuppertaler Tanztheater-Ikone Pina Bausch zweimal zu ihrem "Internationalen Tanzfestival NRW" einlud, wird schon in der Anfangsszene deutlich: Eine nackte Meute betritt mit kindisch-weißen Flügelchen am Rücken die Bühne und entert das Theater. Kreischend, tobend, mit dem Publikum auf Tuchfühlung gehend. Wenige Sekunden später fliegen Klamotten, Stühle, kleine Bogen und Pfeile durch die Luft. Das Publikum ist mittendrin in der Entstehung der Welt. Das Tohuwabohu zwischen Mann und Frau kommt erst noch.
In dem letzten Teil seiner Trilogie über Menschlichkeit, Liebe, Leben und Tod widmet sich der Kanadier der Utopie der romantischen Liebe. Worum es in dieser neuen Choreographie geht, ist schnell erzählt: Eine junge Frau und ein junger Mann werden von einer Heerschar ausgewachsener Liebesgötter heimgesucht und malträtiert. Doch es sind die vielen kleinen Kontrastierungen von Unbeschwertheit und Dramatik, die aus einer heiteren Splatterperformance ein gesellschaftskritisches Stück machen, das unverblümt menschliche Begierden thematisiert. So wird ein Ort der menschlichen Verwüstung nach einer dramatischen Liebeserklärung mit einer Kehrmaschine wiederhergestellt.
Zwar wird dem selbst ernannten Provokateur oft unterstellt, Nacktheit nur einzusetzen, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Doch die Konfrontation, die St-Pierre seinem Publikum anbietet, sind nicht nur auf Körperlichkeit beschränkt. Grundsätzlich befragt der 38-Jährige, der von Geburt an unter der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose leidet, den Umgang miteinander und mit sich selbst.
Am Ende quittieren die Zuschauer den gelungenen Katharsis-Rausch mit Applaus, was zeigt: Kalkulierte Aufregung muss nicht immer blanke Provokation sein.
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