Düsseldorf: Jäger empört über neues Jagdgesetz
VON THORSTEN BREITKOPF UND GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 29.12.2011 - 02:30Düsseldorf (RP). Die rot-grüne Landesregierung will 2012 ein neues Landesjagdgesetz erarbeiten. Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) plant einen Paradigmenwechsel: Ökologie und Tierschutz sollen künftig im Zentrum stehen. Seine Gegner kritisieren, die Pläne seien ideologisch motiviert.
Heinz Kreiensiek ist der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Oberberg. Sein Revier ist 460 Hektar groß, in der laufenden Saison müssen dort laut Abschussplan 30 Rehe getötet werden. "Im Jagdwesen ist alles ist gut und klar geregelt", sagt der Geschäftsmann im Ruhestand. "Aus meiner Sicht gibt es überhaupt keinen Grund, Veränderungen anzuordnen."
Die rot-grüne Landesregierung sieht das ganz anders. Im Haus von Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) soll 2012 die Novelle für das Landesjagdgesetz erarbeitet werden. Seit 1976 seien die Regelungen nicht mehr verändert worden, argumentiert Remmel. Jagd müsse "zeitgemäßer werden", heißt es im Ministerium. Bereits im Koalitionsvertrag hatten SPD und Grüne einen "Paradigmenwechsel" angekündigt. Das Jagdrecht soll an ökologischen Interessen und am Tierschutz ausgerichtet werden. "Praktiken, die mit dem Tierschutz unvereinbar sind, wollen wir künftig untersagen", heißt es in der Vereinbarung. Was bedeutet das?
Remmel will die historische Liste der jagdbaren Tiere einschränken. Künftig muss "ein vernünftiger Grund" für die Bejagung vorliegen. Den müsse man etwa bei Möwe, Blässhuhn und Türkentaube ernsthaft infrage stellen. Der "Jagddruck" auf die Tiere soll gemindert werden. Gleichzeitig sollen aber mehr Wildschweine, Rehe und Hirsche geschossen werden.
Die Fallenjagd sieht der Minister kritisch. Dabei könne es zu tierquälerischen Verletzungen und zur Gefährdung von Haustieren kommen. Mit Fallen werden etwa Iltisse, Marder und Hermeline gejagt.
Vor dem Aus stehen wohl auch die Regeln für die Ausbildung und Prüfung von Jagdhunden. Bislang würden Schmerzen und Leiden von Übungstieren in Kauf genommen. Die Ausbildung an lebenden, flugunfähig gemachten Enten soll ebenso verboten werden wie die Übungsjagd auf Füchse in Kunstbauten.
In der Jägerschaft wird befürchtet, dass die Liste der geplanten Reformen im Beratungsverfahren noch länger wird. Angeblich sollen auch gravierende Einschränkungen bei der Jagd auf Füchse diskutiert werden. Remmel, so heißt es, stehe unter dem Einfluss der Naturschutzverbände, die massive Veränderungen fordern. "Wir verlangen eine Umkehr der Beweislast", sagt Dirk Jansen, Geschäftsleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz in NRW. "Die Jagd auf alle Tiere soll grundsätzlich verboten werden und nur in Ausnahmefällen beantragt werden können", sagt er. In NRW werde häufig "falsch und unprofessionell geschossen". Bei vielen Jägern sei die Aussicht auf prestigeträchtige Trophäen das Hauptmotiv für die Jagd.
Zwischen Naturschützern und Jägern herrscht traditionell ein angespanntes Verhältnis. Kai Abruszat, Umweltexperte der FDP im Landtag, kritisiert, der Umweltminister würde sich einseitig an die Seite der Naturschützer stellen. Mit der Novelle mache Remmel den Versuch, das Klientel der Grünen gegen die Jäger zu mobilisieren. "Das ist ideologische Politik", beklagt der Liberale. Ohne Not werde ein gelungener Konsens aufgelöst.
Leo Boers ist Jäger in Schwalmtal am Niederrhein. Gestern Nachmittag war er mit einer Jagdgesellschaft in seinem Revier unterwegs. "Wir haben sechs Wildschweine und einen Fuchs geschossen", sagt der Landwirt. Hege und Pflege diene dem Landschaftsschutz, sagt der 56-Jährige. Wer behaupte, es ginge den Jägern nur um den Spaß am Schießen, habe ihren Auftrag nicht verstanden. "Wild, das sich unkontrolliert vermehrt, kann schwere Schäden anrichten, zum Beispiel in der Landwirtschaft und am Baumbestand." Auch die Sicherheit im Straßenverkehr könne beeinträchtigt werden, befürchten einige Jäger. Außerdem sehen sie die Gefahr der Ausbreitung von Tierseuchen, etwa der Tollwut, die von Füchsen übertragen wird. "Ich verstehe nicht, was eine Einschränkung der Fuchsjagd bringen soll", kritisiert Boers.
Im Ministerium wurde jetzt ein runder Tisch ("Arbeitskreis Jagd und Naturschutz") gegründet, an dem Jäger, Landwirte, Natur- und Tierschützer, Waldbesitzer und Wissenschaftler ihre Positionen austauschen sollen. Ein Referentenentwurf für das neue Jagdgesetz soll in der zweiten Jahreshälfte 2012 vorliegen.
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