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Berlin: Internet: Schüler sind Lehrern voraus

VON K. HELLWIG, M.OBERPRILLER, E. QUADBECK UND J. VOSS - zuletzt aktualisiert: 10.05.2011 - 02:30

Berlin (RP). An Schulen gibt es in Sachen Internet eine Kluft: Die große Mehrheit der Schüler ist in sozialen Netzwerken wie Facebook unterwegs. Nur jeder vierte Lehrer nutzt einer Studie zufolge digitale Medien regelmäßig für den Unterricht.

Im Mathe- und Physikunterricht bei Bernd Schaub (54) an der Alexander-von-Humboldt-Realschule sitzen die Schüler vor Whiteboard, Notebook und Internet. "Da fasse ich keine Kreide mehr an", sagt der Lehrer. Der 54-Jährige gehört allerdings zu einer Minderheit. Nur jeder vierte Lehrer in Deutschland arbeitet im Unterricht regelmäßig mit digitalen Medien. Bei der Lehrer-Generation 50+ stehen 30 Prozent den digitalen Medien grundsätzlich skeptisch oder ablehnend gegenüber.

Die Mehrheit der Lehrer nutzt digitale Medien zwar mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Aber die Pädagogen tauchen längst nicht so weit in die Tiefen des Internets ein wie ihre Schüler. "An den Schulen unseres Landes existieren digitale Parallelwelten. Die Schüler in den Oberschulen sind heute zu nahezu 100 Prozent in sozialen Online-Netzwerken aktiv. Zu dieser Welt haben Lehrer und Eltern in der Regel keinen Zugang", sagt der Präsident des Branchenverbandes Bitkom, August-Wilhelm Scheer. Er stellte gestern eine Studie über die Nutzung digitaler Medien im Unterricht vor.

Die unterschiedliche Internet-Nutzung von Lehrern und Schülern sieht der Chef der Erziehungsgewerkschaft GEW, Ulrich Thöne, gelassen. "Dass es im Netz Parallelwelten bei Lehrern und Schülern gibt, werden wir nicht ändern können", sagte Thöne unserer Zeitung. "Die Jugend hat sich schon immer von der älteren Generation mit etwas abgegrenzt, was die Älteren nicht verstehen."

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) drängt auf eine möglichst breite Nutzung digitaler Medien an den Schulen. "Der Einsatz von elektronischen Medien im Unterricht ist von zentraler Bedeutung für ein modernes Bildungssystem", sagte Schavan unserer Zeitung.

Der Chef des Philologen-Verbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht die Internet-Nutzung im Unterricht pragmatisch. "Es macht Sinn im Erdkundeunterricht google earth einzusetzen und im Physikunterricht komplizierte Versuche per Internet zu zeigen", sagte Meidinger unserer Zeitung. "Es gilt aber nicht, dass der Unterricht umso besser ist, je häufiger digitale Medien eingesetzt werden."

Der Chef des Bitkom-Verbandes Scheer schätzt, dass Lehrer nur halb so oft wie ihre Schüler in sozialen Netzwerken wie Facebook im Internet vertreten sind. Auch die Pädagogen, die auf Facebook präsent sind, bleiben vorsichtig. Realschullehrer Schaub nimmt bei Facebook grundsätzlich keine Freundschaftsanfragen von Schülern an, "um Interessenkonflikte auszuschließen." Die 34-jährige Referendarin Clara Deilmann, die am Leibniz-Montessori-Gymnasium in Düsseldorf Deutsch unterrichtet, vermeidet es ebenfalls auf Facebook, dass sich ihre Schüler als ihre Freunde eintragen.

Wenn Barbara Verwiebe, Lehrerin für Latein, Spanisch und Französisch, sich mit ihren Freunden austauschen will, greift sie zum Telefon oder schreibt eine E-mail. "Ich halte mich nicht für so wichtig, dass der Rest der Welt über meine Aktivitäten informiert werden sollte", sagt die 43-Jährige. Den Einsatz digitaler Medien im Unterricht betrachtet sie als Bereicherung. Das Internet gehöre zu den den "modernen Kulturtechniken, so dass die Schule quasi verpflichtet sei, den Umgang damit zu vermitteln. Problematisch sei aber, "dass die technische Ausstattung der Schulen diesen Anforderungen" nicht entspreche. Die Lehrerin sieht auch die Kehrseite von Google und Co. Es sei schwieriger, die Schüler zum Lernen von Fakten zu animieren. "Mitunter kommt die Antwort. Wieso soll ich das wissen? Wenn ich es brauche, schaue ich das bei Google nach", klagt Verwiebe. Dass im Kopf verfügbares Wissen die Grundlage für das Verknüpfen und Verstehen von Vorgängen sei, sähen die Schüler oft nicht ein.

Quelle: RP


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