In der Liebes-Sprechstunde
VON WERNER SCHWERTER - zuletzt aktualisiert: 30.04.2010 - 02:30Der Kabarettist und Arzt Eckart von Hirschhausen hat alles gesammelt, was Hirnforschung, Biochemie, Seelenkunde und Kommunikationsanalyse zum Thema Liebe hergeben. In der Tonhalle begeisterte er jetzt mit fast drei Stunden komischer Erkundung des Phänomens Zweierbeziehung.
Den großen Schlusschoral singt Dr. med. Eckart von Hirschhausen in der ausverkauften Tonhalle gemeinsam mit dem Publikum: "All you need ist love" von den Beatles. Skeptiker ermuntert er, den Refrain um den Einwand zu erweitern: "Wenn's so einfach wär." Zuletzt bekommen alle Damen einen Blumenstrauß mit auf den Heimweg. Denn "Liebesbeweise" heißt das Programm, mit dem der Arzt und Kabarettist über das Wirken von Hormonen und Synapsen aufklärt. "Ein Thema, so unerschöpflich wie eine Brühe, wenn man nur eine Gabel hat." Erkenntnisse aus Hirnforschung, Biochemie, Seelenkunde und Kommunikationsanalyse werden zu einem großartigen, fast dreistündigen Seminar verquirlt. Natur und Kultur feiern gemeinsam ein Fest. Und manche Rätsel bleiben offen.
Hirschhausen singt gern. Nicht weil er dafür besonderes Talent hätte, sondern weil es gut ist fürs Gemüt. Und gesund wie das Lachen. Bei diesem Mediziner ist die Diagnose schon gleich Therapie. Dabei grenzt er sich spöttisch vom Klamauk mancher Kollegen ab, denn: "Humor beginnt da, wo der Spaß aufhört." Humor heißt auch Abstand gewinnen und neue Wege finden. Ein Huhn will hysterisch über einen hohen Zaun flattern. Dabei ist der nur einen Meter lang.
Musikalisch – am Flügel unterstützt von Christoph Reuter – pflegt Hirschhausen auch sentimentale Momente. Etwa wenn er über den Sinn des Lebens im großen Strom des Werdens und Vergehens nachdenkt. Da wird er poetisch. Doch platte Schmachtfetzen mit ihren schiefen Sprachbildern werden von ihm gnadenlos beim Wort genommen und entlarvt. Schlagersängern rät er: "Singt undeutlich, damit jeder das hört, was er braucht." Das könnte übrigens auch bei Verständnisstörungen in Paarbeziehungen helfen.
Weise Erkenntnisse werden verabreicht. "Jeder Streit hat drei Seiten. Der eine sieht nur die eine, der andere nur die andere Seite und keiner die dritte." Vor allem sollte man nicht nachts zanken, weil sich der Verstand früher zur Ruhe legt als das Gefühl. Realismus und Romantik, Vernunft und Leidenschaft zeigt Hirschhausen in einer komisch-graziösen Tanzeinlage nach Art der Waldorf-Pädagogik mit zwei flatternden Bändern, einem blauen, einem roten. Die können sich schön umflirten, aber auch dumm verheddern.
Den Wert von Statistiken fasst Hirschhausen in unwiderleglicher Logik so zusammen: "Häufiges kommt öfter vor als Seltenes." Er teilt die Menschen in zwei Gruppen ein. Die einen lieben immer frische Schnittblumen, die freilich schnell verwelken. "Das nennt man serielle Monogamie." Die anderen hegen treu ihre Topfpflanze. "Da muss bei Abwesenheit schon mal der Nachbar gießen."
Vielweiberei ist übrigens männerfeindlich, da dann die Mehrzahl solo bleiben muss. Rätsel der Natur: In Gesellschaften mit Männerüberschuss steigt die Kriegsgefahr. Da sieht Hirschhausen eine Möglichkeit für humanitäre Hilfe: "Nymphomaninnen nach Afghanistan."
Unter vielen Witzen eine aktuelle Randbemerkung, ausdrücklich kein Gag: "Der Zölibat ist nicht die Ursache für Päderastie. Aber er kann ein Rahmen sein, der die Falschen anlockt."
Auf dem Großbildschirm erscheint das Foto einer blauen und einer roten Wäscheklammer, eng beieinander an derselben Leine, aber nicht ineinander verbissen. Der Ratgeber deutet das Sinnbild: "Festhalten ohne klammern." Ein weiterer Tipp für Liebesbeziehungen über den ersten Hormonrausch hinaus: "Üben, dass das Vertraute aufregend erscheint."
Nicht nur Hörvergnügen, auch Sprechstunde: Hirschhausen sucht den direkten Dialog mit dem Publikum. Obendrein kann es in der Pause, je zur Hälfte, Zettel einreichen mit einerseits Sätzen der Liebe, andererseits des Schimpfens. Hirschhausen nutzt die Beute für spontane, schlagfertige Bemerkungen. Auch wenn er improvisiert, ist jeder Satz ein Treffer.
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