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Ein Grenzgänger auf Heines Spuren

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 09.02.2012 - 02:30

Nach Bernhard Schlink, Dieter Forte, Alice Schwarzer und Herta Müller wird jetzt der Bosnier Dzevad Karahasan mit der Ehrengabe der Heine-Gesellschaft geehrt. Der 1953 in Duvno geborene und in Sarajevo lebende Autor ist der erste Heine-Preisträger außerhalb des deutschsprachigen Raums. Karahasan hat die Kämpfe um seine Heimatstadt 1993 erlebt und darüber immer wieder geschrieben.

Ist Sarajevo – als Schmelztiegel der Völker – vor dem Krieg ein Symbol für ein friedliches Zusammenleben in Europa gewesen?

Karahasan Eigentlich nicht. Denn vor dem Krieg war Sarajevo für uns eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wir alle haben durch den Krieg unsere Unschuld verloren. Vor dem Krieg war es in unserer Stadt selbstverständlich, dass eine Frau, die schlechte Träume hatte und diese zu bannen versuchte, den berühmten ,Sarajevoer Kreis' ging: nämlich zur Synagoge, zur katholischen Kirche des Heiligen Antonius, zu einer Moschee und zur einer orthodoxen Kirche. Das war für alle Frauen eine Selbstverständlichkeit. Erst durch den Krieg wurde uns bewusst, dass dies eine Ausnahme ist.

Also ist Sarajevo erst mit dem Krieg für alle zum Symbol geworden.

Karahasan Ganz genau. Und ich behaupte, dass Bosnien im Grunde genommen ein Herz von Europa sein kann und sein müsste.

Etwa in Sarajevo mit seiner Altstadt, die heute noch sowohl türkisch als auch österreichisch geprägt ist.

Karahasan Sie müssen nach Sarajevo kommen, und dann begleite ich Sie zu einem Punkt, an dem sie mit dem linken Auge in den tiefen Orient und mit dem rechten Auge nach Mitteleuropa schauen können. In Sarajevo treffen beide Kulturen wie auf des Messers Schneide aufeinander. Sie sind in ihrem Stil ganz rein und konsequent. Die Einmaligkeit von Sarajevo ist das Gleichgewicht zwischen den beiden Welten.

Ist der Schmelztiegel dieser Welten der Sarajevoer Stadtpark, den sie oft als Paradiesgarten beschrieben haben?

Karahasan So ist es. Ich bin nach meinem Lebensgefühl ein Dramatiker. Für ein Drama braucht man verschiedene Charaktere, Ansichten und Lebenseinsichten. Es wird oft behauptet, der Konflikt sei Grundlage des Dramas. Das stimmt nicht. Konflikt bedeutet immer das Ende vom Drama. Drama braucht Spannung, die durch Begegnungen verschiedener Identitäten entsteht. Und genau diese Spannungen gibt es im Stadtpark von Sarajevo.

Sie haben sich intensiv mit dem Garten beschäftigt und geschrieben: Was für den Islam der Garten ist, ist für das Christentum die Wüste. Was sagen Orte über die Religionen aus?

Karahasan Es ist normal, dass der Islam vom Garten träumt, weil die islamische Offenbarung mitten in der Wüste verkündet wurde. Und das Christentum träumt von der Wüste, weil christliche Offenbarung eben am Rande der Wüste verkündet wurde. Die Wüste ist eine Stätte der Leere, in ihr scheint jegliche Existenz abwesend zu sein. Und der Garten ist ein Ort, an dem verschiedene Existenzformen zusammenkommen und nebeneinander existieren. Die Wüste ist ein Bild, in dem alles möglich ist. Ein Ort, der sich dem Inneren des Menschen anbietet, während der Garten die pure Gegenwärtigkeit von allem ist.

Sie gelten als Grenzgänger zwischen Islam und Christentum. Ist ein Grenzgänger ein Mensch, der nirgendwo wirklich beheimatet ist?

Karahasan Eine schwierige Frage. Aber eigentlich wählt man das Grenzgängertum nicht selbst; man wird dazu gezwungen. Ich bin nicht bereit, auf Einflüsse und Kenntnisse des Christentums zu verzichten. Und ich bin froh, dass ich mich in der islamischen Tradition zuhause fühle. Wobei ich als Grenzgänger nicht in der Lage bin, eine endgültige, eine schicksalhafte Zugehörigkeit zu haben. Wer auf der Grenze steht, ist immer zugleich drinnen und draußen.

Würden Sie auch Heinrich Heine als einen Grenzgänger beschreiben?

Karahasan Ich würde ihn als einen Grenzgänger zwischen Aufklärung und Romantik bezeichnen, zwischen Judentum und Christentum, zwischen Orient und Okzident.

Was bedeutet Ihnen Heines Werk als Schriftsteller?

Karahasan Ich habe Heine jahrzehntelang intensiv gelesen; er bedeutet mir wahnsinnig viel. Weil ich mich selber ohne die Aufklärung nicht vorstellen kann und doch irgendwie ein Romantiker geblieben bin. Ich mag vor allem seine Prosa, seine Essays und seine Reiseberichte, wie er mit wenigen Sätzen die Atmosphäre der Straßen lebendig macht.

Sehen Sie sich als Autor in der Tradition des orientalischen Geschichtenerzählers, möglicherweise als ein Nachkomme der Scheherazade, der Erzählerin aus "Tausendundeiner Nacht"?

Karahasan Diese Frage möchte ich gerne mit einem bosnischen Witz beantworten. Ein Bosnier fragt seinen Freund: Würdest Du sagen, dass ein Mensch von innen nach außen oder von außen nach innen wäscht? Darauf der Gefragte: Du, ich denke schon. So würde auch ich auf die Frage, ob ich ein orientalischer oder ein europäischer Erzähler bin, am liebsten antworten: Ich glaube schon. Ich kann mich ohne Goethe, Büchner, Heine, Flaubert einfach nicht denken; aber auch nicht ohne Tausendundeine Nacht.

Quelle: RP


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