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"Ehrensache" zum Nachdenken

VON SYBILLE MÖCKL - zuletzt aktualisiert: 26.02.2011 - 02:30

Das Junge Schauspielhaus nimmt sich mit dem Stück "Ehrensache" von Lütz Hübner der Probleme von Jugendlichen aus unterschiedlichen Kulturen an. Die vier großartigen Darsteller zwingen das Publikum dazu, vorgefertigte Meinungen zu überdenken – obwohl es um Mord geht.

Die Musik dröhnt. Im Auto drängen sich vier junge Menschen voll Vorfreude auf den Ausflug in die große Stadt. Die Chipstüten werden von hinten nach vorne gereicht, die Getränke geteilt. Der Beifahrer bemüht sich vergebens, auf der Straßenkarte den richtigen Weg nach Köln zu finden, während der Wunderbaum vor der Windschutzscheibe im Takt der Musik baumelt. Hier nimmt die Tragödie "Ehrensache" von Lutz Hübner ihren Lauf. Am Ende ist eines der Mädchen aus dem Auto tot, das andere schwer verletzt.

Was ist geschehen? Warum wurde die 16-jährige Ellena (Elena Schmidt) von Cem mit 30 Messerstichen auf einem Parkplatz ermordet? Und ihre Freundin, die 14-jährige Ulli, schwer verletzt liegen gelassen? Wie kann es nach einem fröhlichen Tag mit Kino, Kirmes und Einkaufsbummel zu solch einem Gewaltausbruch kommen? Das Stück beginnt, nachdem das ganze Drama schon geschehen ist. Im Laufe der Geschichte erfährt der Zuschauer die Hintergründe der Tat: Wut, Enttäuschung, verletzte Ehre. Abwechselnd verurteilt man Cem (Alexander Steindorf) als arroganten Macho, weil er einfach nicht damit klarkommt, dass sein Freund Simon (Till Frühwald) an der Schießbude besser trifft als er. Und Ellena als frühreifen Teenager, dem es scheinbar Spaß macht, Männern den Kopf zu verdrehen und sie dann stehen zu lassen.

Es ist Teil der Konzeption des Stückes, dass sich der Zuschauer seine eigenen Gedanken machen muss. Keine der Figuren wird vorverurteilt, obwohl die Täter bereits von Beginn an feststehen. Welche Schuld haben die unterschiedlichen, kulturgeprägten Frauen- und Männerbilder an den Geschehnissen? Wie antiquiert sind Cems Vorstellungen von einer Frau fürs Bett und einer für die Familie? All diese Fragen werden aufgeworfen, aber nicht simpel beantwortet.

Das Chaos in den Köpfen der Jugendlichen spiegelt sich auf der Bühne wieder: Ist diese anfangs noch aufgeräumt, fast schon karg, sammeln sich am Ende des Stückes die Requisiten des ganzen nacherzählten Tages: Chips, Luftballons, Kleider, Zigarettenstummel, Lebkuchenherzen, Riesenteddybären.

Regisseur Jörg Schwahlen schafft es, die erwachsenen Schauspieler, die verschiedenen Perspektiven und Sichtweisen der Geschichte als Jugendliche erzählen zu lassen, ohne dass sie unglaubwürdig werden. Man nimmt ihnen die Probleme der heutigen Jugend ab. Allen voran Insa Jebens, die Ellenas Freundin Ulli spielt, die kleine Freundin der alles überragenden Ellena. Der Kampf, den sie nach dem Mord an ihrer Freundin mit sich selbst ausficht, spiegelt sich in jeder Szene in ihrer Mimik wider.

Ebenso gerne nimmt man Alexander Steindorf den gekränkten, gewaltbereiten Cem ab, der doch eigentlich nur einen schönen Tag mit der umschwärmten Ellena geplant hatte. Das ernste Thema wird immer wieder von Szenen unterbrochen, die den Zuschauer zum Lachen bringen: Simon, der hilflos versucht, sich cool eine Zigarette in den Mund zu werfen. Die beiden Mädels beim Shoppen, die die Umkleidekabinen in ein Schlachtfeld verwandeln. Die Geschichte bleibt so lebensnah und nachvollziehbar, dass man zwischendurch fast vergisst, wo man sich gerade befindet. Die Darsteller zwingen den Zuschauer dabei, über die eigene Sichtweise der Dinge, kritisch nachzudenken.

Die eigentlich einfache, wenn auch tragische Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, wird durch überraschende Wendungen zu einer packenden Kriminalgeschichte. Hübners Stück ist vor zwei Jahren zeitweise verboten worden, weil die Mutter der Ermordeten deren Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Heute veranlasst das Stück wieder dazu, sich Gedanken über kulturelle Vorurteile zu machen. Auch wenn die Lichter längst wieder angeschaltet sind.

Quelle: RP


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