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Drogenhunde schnüffeln im Gefängnis

VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 10.06.2010 - 02:30

Zwei von drei Gefangenen konsumieren hinter Gittern Drogen. Das NRW-Justizministerium will den Rauschgifthandel in den JVA zumindest erschweren: In vier Haftanstalten haben seit kurzem Drogenspürhunde ihren Schnüffeldienst aufgenommen.

Köln Gina kann es kaum erwarten, in die Gefängniszelle der Kölner Haftanstalt zu kommen. Kaum hat der Justizvollzugsbeamte die schwere Tür geöffnet, stürzt Gina sich in den engen Haftraum und zerrt unter dem Bett einen Schuh hervor. "Brav gemacht", lobt Vollzugsbeamter Darius Szeliga (36) die zweijährige Hündin. Im Schuh findet er 11,3 Gramm Haschisch. Gina ist einer von vier belgischen Schäferhunden, die seit sechs Wochen im Rahmen eines Pilotprojekts in NRW-Gefängnissen nach Rauschgift schnüffeln. Noch sind die Hunde nur in Haftanstalten in Köln, Kleve, Castrop-Rauxel und Hamm im Einsatz. Sollte der Versuch Erfolg haben, will Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter ab dem nächsten Jahr auch in anderen Haftanstalten justizeigene Spürhunde einsetzen.

Damit will die Ministerin den offenbar in fast allen NRW-Haftanstalten florierenden Drogenhandel zumindest erschweren. Am Dienstag hatte ein ehemaliger Häftling im Prozess gegen die beiden Ausbrecher Michalski und Heckhoff ausgesagt, dass es in der Aachener JVA leicht war, an alle Arten von Drogen zu kommen. Der wegen Gefangenenbefreiung mitangeklagte Vollzugsbeamte Michael K. soll sogar selbst Drogen konsumiert haben. In der vergangenen Woche starb ein Häftling in seiner Bochumer Zelle – vermutlich an einer Überdosis Heroin.

"Man schätzt, dass bis zu zwei Drittel aller Gefangenen in den Haftanstalten Drogen konsumieren", berichtet Klaus Jäkel, Landesvorsitzender des Bundes der Justizvollzugsbediensteten. Die Drogen werden durch Besucher, Freigänger, Fremdfirmen, Anwälte und auch JVA-Beamte selbst eingeschmuggelt. Laut Jäkel kämen viele Häftlinge erst im Knast mit Drogen in Berührung. "In Einzelfällen wird einer da auch mit Gewalt zum Konsum getrieben."

Seit die letzte große Drogenwelle Mitte der 90er Jahre in die NRW-Gefängnisse schwappte, ist der Rauschgift-Pegel dort gleichbleibend hoch geblieben. Während der Heroinkonsum leicht abnahm, haben die Vollzugsbeamten zunehmend Probleme mit Häftlingen, die hochkonzentriertes Haschisch rauchen: "Diese so genannte weiche Droge löst immer häufiger Psychosen bei den Häftlingen aus, die im Gefängnis nur schwer in den Griff zu bekommen sind", sagt Wolfgang Schriever (53), stellvertretender Leiter der Kölner JVA.

Mittlerweile sind landesweit 100 JVA-Mitarbeiter ausschließlich in der Suchtberatung tätig. 600 Gefangene werden in 30 speziellen Abstinenz-abteilungen betreut. 525 000 Euro gibt das Land jährlich für externe Sucht-Therapeuten aus. Doch die Drogensubkultur blüht weiter.

Auf Initiative von NRW berät der Bundesrat, ob es sinnvoll ist, die Strafen für das Einschmuggeln von Drogen zu verschärfen. Demnach stünde auf Drogeneinfuhr ins Gefängnis eine Mindeststrafe von einem und eine Höchststrafe von 15 Jahren. Bisher ist auch eine Geldstrafe möglich. Die Höchststrafe liegt bei fünf Jahren. Experten bezweifeln jedoch, ob eine Strafverschärfung bei Drogendelikten die erwünschte Wirkung erzielt.

Mehr Erfolg scheint der Einsatz der Vierbeiner zu versprechen: "Es gibt praktisch keinen Tag, an dem Gina nichts findet", berichtet Hundeführer Szeliga. Oft schlägt das Tier auch an, wenn es nur eine Anhaftung wittert. Für diesen Fall hat Szeliga immer ein paar echte Drogen in der Tasche, die er dem Hund zeigen kann: "Die Tiere brauchen jedes Mal Lob und ein Erfolgserlebnis", sagt der Beamte.

Er und Gina sind täglich in der Haftanstalt unterwegs. Einen geregelten Schichtdienst hat das Team nicht. Schließlich sollen die Häftlinge nie wissen, wann die Schnüffler auftauchen.

In einem viermonatigen Lehrgang auf der Polizei-Hundeschule haben die Hündinnen Gina, Anni, Maja und Irma gelernt, ein ganzes Sortiment von Drogen zu erschnüffeln. Neben Heroin, Kokain, Opium, Haschisch, Marihuana, Amphetaminen, Ecstasy zählt dazu auch das außerhalb von Gefängnissen kaum bekannte Medikament Subutex. "Das können nur unsere Tiere", sagt der Hundeführer.

Für Gina ist das Schnüffeln Schwerstarbeit. "Nach 15 Minuten braucht der Hund eine längere Pause", sagt Szeliga. Mehr als vier Einsätze am Tag seien daher nicht drin. Doch oft reicht es schon, wenn die Gefangenen wissen, dass die beiden im Haus unterwegs sind. "Wie man hört, sollen auffallend viele Toilettenspülungen in den Zellen betätigt werden, wenn die Gefangenen Hundegebell in der Nähe hören", berichtet Jäkel.

In allen vier Versuchsanstalten haben die Justiz-Hunde ihre Bewährungsproben bestanden. Ministerin Müller-Piepenkötter: "Schon an ihren ersten Arbeitstagen haben die Hunde frühere Drogenverstecke entdeckt, die den Vollzugsbeamten bisher nicht bekannt waren. Konnten Gefangene bisher darauf hoffen, ein Versteck öfter nutzen zu können, machen die Hunde dies jetzt unmöglich."

Wird es dank der Hunde ein drogenfreies Gefängnis geben? Gefängnis-Manager Schriever glaubt das nicht: "Wer clever ist, wird immer irgendwie einen Weg finden."

Quelle: Rheinische Post

 
 
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