Die Heimkehr der Glücksmaschinen
VON MICHAEL WENZEL - zuletzt aktualisiert: 12.04.2010 - 02:30Am Samstag machten die Fehlfarben auf ihrer Deutschlandtour Halt in Düsseldorf. Beim Konzert im Zakk präsentierte sich die Band in Bestform und bewies, dass sie auch nach über 30 Jahren nichts von ihrer Authentizität und Energie verloren hat.
"Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit", sagt Sänger Florian den Auftritt der Band Herpes an. Das Quintett kommt aus Berlin: Vier Jungs mit zotteligen Daniel-Düsentrieb-Frisuren in abgerissenen Jeans, T-Shirt oder Unterhemd. Keyboarderin Anna sieht ein wenig aus wie Lena Meyer-Landruth. Herpes wollen provozieren, klingen ungezähmt, roh und wütend. So wie einst DAF. Dennoch bleibt der Applaus für Lieder wie "Keine Experimente" oder "Very Berlin" verhalten. Denn der Großteil der Anwesenden ist jenseits der 40 und hat schon vieles erlebt.
Im Zakk herrscht eine Atmosphäre wie auf einem Klassentreffen. Man kennt sich, bevölkerte in den 80er Jahren den Düsseldorfer Szenetreffpunkt Ratinger Hof, wo Performances wie die von Herpes zum üblichen Wochenendritual gehörten. Einige haben dort DAF live gesehen und in seinem Umfeld auch die Gründung der Band erlebt, die Punkmusik auf eine neue Stufe hob und für die alle heute hierher gekommen sind: Die Fehlfarben. Man hat die alte Ausgehuniform angezogen, die Trendfarbe des Abends ist schwarz. Da wirken die handgemalten knallgelben Plakate auf der Bühne wie Hohn, geradezu frech das Outfit der sechs Fehlfarben. Sie tragen weiße Hemden und Hosen mit grell leuchtenden Neonmustern.
"Glücksmaschinen", das Titelstück des neuen Albums, prasselt laut aus den Boxen als Sänger Peter Hein – ganz Dandy im dunklen Sakko – ans Mikrofon tritt. Man spielt rau und hart, der Bass hämmert unerbittlich, die Gitarre sägt Akkorde, und Schlagzeugerin Saskia von Klitzing wirkt, als ob sie heute alles daran setzen möchte, ihr Instrument zu pulverisieren. Der richtige Klangteppich für Peter Hein, der das Rad der Zeit um 30 Jahre zurückdreht. Er tänzelt im Schein der Diskokugel um das Mikrofon, hält es mit beiden Händen fest und schüttelt den Kopf. "Ernstfall/Es schon längst so weit/Ernstfall/Normalzustand seit langer Zeit", schießen die Textzeilen zu "Apokalypse" aus seinem Mund und treffen das Lebensgefühl der reifen Männer, die längst nichts mehr am Boden hält und wie früher zur Musik auf und ab springen, um ihr Dagegensein zu feiern.
Ein düsterer Basslauf kündigt das neue Lied "Stadt der 1000 Tränen" an. "Da kommen wir gerade her", raunt Hein und meint Berlin. Da stimmt Gitarrist Uwe Jahnke "Ein Jahr" an, jenes ungeliebte Erfolgsstück, das einst ohne Zustimmung der Band als Single veröffentlicht wurde und bis heute auf keiner NDW-Party fehlen darf. Die Spielfreude ist unerwartet groß und wird vom Publikum mit Freudenschreien belohnt. Längst ist der Refrain "Es geht voran" zur Durchhalteparole für das urbane Leben geworden.
Als Zugabe segelt ein Rauchverbotsschild ins Publikum. Es ist wieder 1980, das Jahr in dem "Monarchie und Alltag" der Fehlfarben, eines der besten deutschsprachigen Alben, erschien. Der Rauch aus Uwe Jahnkes Zigarette vermischt sich mit dem blutroten Nebel, der zur Kulisse für das melancholische Gedicht "Paul ist tot" wird.
"Man wusste doch nie ob man Freunde hat/Der Freundezähler hat´s an den Tag gebracht", wettert Peter Hein auf "Glücksmaschinen" gegen die Oberflächlichkeit sozialer Netzwerke im Internet. Das Lied heißt "Vielleicht Leute 5". An diesem Abend leisteten die sechs Glücksmaschinen von den Fehlfarben wieder ganze Arbeit: Über 600 selige Leute jubelten ihnen zu.
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