Ben Becker ganz sentimental
VON SABINE WOTZLAW - zuletzt aktualisiert: 24.10.2011 - 02:30Ein Tisch, ein Stuhl, ein Wasserglas. Ein Mann mit schwarzem Anzug, Brille und Hut bahnt sich zu Gene Kellys "Singin' In The Rain" seinen Weg durchs Publikum auf die Bühne der Mayerschen Buchhandlung: Ben Becker. Da steht er, das Enfant Terrible unter den Schauspielern. Im Gepäck hat er seine Autobiografie "Na und, ich tanze", die er als Collage bezeichnet. Er nimmt den Hut ab, schiebt die ins Gesicht hängenden, blonden Haarsträhnen zurück und sagt: "Entschuldigen Sie bitte den theatralischen Auftritt. Aber ich trete normalerweise in Theatern auf. In einer Buchhandlung bin ich zum ersten Mal." Das Publikum lacht.
Nach einer kurzen Warnung – das Buch solle man ja nicht den Kindern zu Weihnachten schenken, und das geschilderte sei auch nicht zum Nachahmen empfohlen – beginnt er aus dem ersten Kapitel zu lesen, das sich in Anspielung auf seine Rolle bei den Salzburger Festspielen "Der Tod" nennt. "Salzburg im Sommer", dröhnt seine tiefe Stimme durch die Buchhandlung.
Von wilden Partys, über das Theater, Drogen, die Geburt seiner Tochter Lilith bis hin zu Udo Lindenberg, dem er ebenfalls ein Kapitel gewidmet hat, arbeitet Becker sich durch sein knapp 500 Seiten starkes Werk. Man merkt dem Schauspieler an, dass er mit Spaß bei der Sache ist. Kapitel für Kapitel steigert sich der Auftritt. "Der Ton macht mich wahnsinnig", grollt Becker plötzlich und ärgert sich, dass er keinen Soundcheck machen durfte. Dabei wirkt er, als wolle er unbedingt seinem Image gerecht werden, schwierig und großmäulig zu sein. Beim Publikum kommt das an. Immer wieder erntet Becker Lacher und Applaus. Becker gestikuliert, verzieht das Gesicht, gibt Einblicke in seine Gefühlswelt.
So zum Beispiel, als er das Kapitel über seine erste große Liebe Isabell liest, die an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Plötzlich wird Beckers Stimme ganz leise. Dann kommen ihm die Tränen. Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Becker greift in seine Hosentasche, kramt ein Taschentuch hervor. "Das habe ich heute zum ersten Mal gelesen – doof", kommentiert er seinen Gefühlsausbruch cool und macht professionell mit dem nächsten Kapitel weiter. Immer wieder fährt er sich mit den Händen durch die Haare, spielt mit seinem überdimensionalen Totenkopfring an der rechten Hand.
Nach 50 Minuten ist die Selbstinszenierung des 46-Jährigen, der vor drei Jahren nach Drogenrausch, Zusammenbruch und Intensivstation nur knapp dem Tod entgangen ist, vorbei. "Ich lebe und ich teile mich durch meine Arbeit mit", sagt Becker, setzt den Hut auf und geht. Applaus.
Buch Ben Becker, Fred Sellin: "Na und, ich tanze", Droemer Verlag, 504 Seiten, Preis: 22,99 Euro.
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