Bald läutet der "Decke Pitter" wieder
VON LESLIE BROOK UND MEYEL LÖNING - zuletzt aktualisiert: 03.12.2011 - 02:30Fast ein Jahr lang schwieg die mächtige Petersglocke im Kölner Dom. Der alte, 800 Kilogramm schwere Klöppel war im Januar abgebrochen und herabgestürzt. Gestern wurde endlich ein neuer Klöppel im Glockenturm eingesetzt. Am 7. Dezember läutet der "Decke Pitter" zum ersten Mal.
köln Die Kölner Studentin Simone van Koll schaut andächtig hoch zum Glockenturm des Doms, wo gerade der "Decke Pitter", wie die mächtige Petersglocke im Volksmund genannt wird, nach elf Monaten um Punkt 12 Uhr einen neuen Klöppel erhält. "Wenn der Pitter läutet, geht uns Kölnern das Herz auf, er ist der Puls der Stadt", sagt die 23-Jährige. Ein Raunen hallt durch das Kirchenschiff, als der Klöppel wenig später von Hand angeschlagen wird. Als die größte frei schwingende Kirchenglocke der Welt endlich wieder läutet, applaudieren die Besucher. Auch Beate Meurer ist froh, dass das Wahrzeichen ihrer Stadt wieder vollständig ist: "Darauf haben wir so lange gewartet – schön, dass der Klöppel zurück ist." Das Kölner Herz schlägt wieder.
Am Dreikönigstag vor knapp einem Jahr war der alte, 800 Kilogramm schwere Klöppel urplötzlich abgebrochen und auf die Wartungsebene des Glockenstuhls gestürzt. Verletzt wurde durch den herabfallenden Eisenstab niemand. Untersuchungen des zerbrochenen Klöppels durch Glockensachverständige der Fachhochschule Kempten ergaben, dass der alte Schlägel zu groß und schwer war. Ursache sei nach 57 Jahren Materialermüdung gewesen. "Damals wurde schon beim Aufhängen geschlampt und der Pitter an einer Schraubenöffnung verletzt", berichtet die Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Die Kölnerin sagt dabei wie bei einem Lebewesen wirklich "verletzt" – nicht beschädigt. Der "Decke Pitter" ist für die Domstadt eben mehr als nur eine tonnenschwere Glocke.
So wurde der neue Klöppel gestern Vormittag nicht einfach nur angeliefert, sondern wie bei einem kleinen Karnevalszug geschmückt mit Tannengrün durch die Stadt zum Dom gefahren. Danach zogen Mitarbeiter einer niederländischen Spezialfirma den Klöppel an dicken Stahlseilen vom Dom-Innenraum in die Glockenstube nach oben. Es dauerte zwei Stunden, bis der Klöppel mit dem "Decke Pitter" verbunden war und die Glocke per Handanschlag das erste Mal erklang. Seitdem ist der Glockenturm wieder gesperrt. In den kommenden Tagen muss der Pitter muss noch justiert werden. Außerdem erhält er einen neuen elektrischen Antrieb.
Der "Decke Pitter" hat eine bewegte Geschichte: Von Anfang an sorgte er wegen seiner Größe und seines Gewichts für Herausforderungen. Die 1924 eingeweihte Glocke der Gießerei Ulrich aus dem thüringischen Apolda misst 3,20 Meter in der Höhe und 3,22 Meter in der Breite. Beim ersten Läuten an Heiligabend 1924 riss kurz nach dem Vorschwingen das Seil der Läutemaschine. Erst nach monatelangen Arbeiten gelang am 10. Oktober 1925 ein erstes feierliches Geläute mit allen Domglocken.
Dieses Mal soll die Glocke länger halten. "Früher ging es bei der Konstruktion eher nach Gefühl und Auge. Es hatte experimentellen Charakter", sagt Schock-Werner. Deshalb setzte die Dombaumeisterin nach den schlechten Erfahrungen der jüngeren Geschichte nun auf höchste moderne Technologien und vertraute auf "die besten Leute". Das Ergebnis ist ein etwa 3,20 Meter langer Klöppel, der mit einem Gewicht von knapp 600 Kilogramm etwa 200 Kilo leichter ist als sein Vorgänger und aus Feinkornbaustahl des Spezialstahls RSK 100 besteht. "Ich gebe eine Garantie für 1000 Jahre", sagte Alexander Essig von der Firma Edelstahl Rosswag bei der Montage der Spezialanfertigung im Kölner Dom.
Seine Firma aus Baden-Württemberg hatte den Klöppel aus einem tonnenschweren Eisenblock angeschmiedet, nachdem an der Fachhochschule Kempen im Forschungszentrum "Pro Bell" die Mängel des alten Klöppels und seiner Aufhängung analysiert worden waren. Rosswag gilt laut Dombauverein als "erfahrener Spezialist" in der Herstellung von Klöppeln, besondere für Großglocken.
Die Petersglocke, die seit 1925 zu Feiertagen läutet, gilt als musikalisches Meisterwerk mit einem reinen "C" als Schlagton. Sie bildet im Zusammenspiel mit den anderen Glocken einen C-Dur-Akkord. "Dass sie solange nicht erklingen konnte, war ein herber Verlust", sagt Schock-Werner. Am kommenden Mittwoch soll die 24 Tonnen schwere Petersglocke zum ersten Mal nach elf Monaten läuten – am Vorabend des Hochfestes der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria.
Wenn alles funktioniert, muss der diensthabende Küster dann lediglich auf einen kleinen Knopf in der Sakristei drücken, um die Glocken in Bewegung zu versetzen. Bevor die tragende Glocke des Doms jedoch offiziell um 19.30 Uhr erklingt, soll es um 16 Uhr noch ein Probeläuten geben. Schon jetzt lobt der Glockensachverständige Martin Seidler den vollen Ton, den die Besucher gestern testweise zu hören bekamen: "Der ,Decke Pitter' klingt besser als vorher."
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