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Zweifel an Afghanistan-Abzug

VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 17.08.2010 - 02:30

Der neue US-Kommandeur für Afghanistan, David Petraeus, schließt eine Verschiebung des Truppenabbaus nicht mehr aus und plädiert für Geduld. Doch die Amerikaner sind kriegsmüde. Allein im Juli starben 66 US-Soldaten.

Rückzug aus Afghanistan im Juli 2011? Nun, sagt David Petraeus, der Termin sei nicht in Stein gemeißelt, auch nicht von Barack Obama. "Ich glaube, der Präsident hat klargemacht, dass es sich um einen Prozess handeln wird, nicht um ein Ereignis, und dass dieser Prozess von Rahmenbedingungen abhängen wird."

Petraeus, ein alter Hase, ist neu auf seinem Posten. Seit Juli befehligt er die Schutztruppe Isaf und die amerikanischen Truppen in Afghanistan. In Washington hat er den Ruf eines Feuerwehrmanns, der dorthin geschickt wird, wo es am heftigsten brennt. George W. Bush übertrug ihm in verfahrener Lage das Kommando im Irak, wo er einen Pakt mit aufständischen Sunniten schmiedete und das Blatt wenden konnte. Obama delegierte ihn nach Kabul, als Nachfolger Stanley McChrystals, des geschassten Fitnessfanatikers, der erzürnte Politiker wechselweise als Waschlappen oder ahnungslose Wichtigtuer abgekanzelt hatte. Jetzt hat Petraeus, der letzte Hoffnungsträger, Klartext geredet. Seine Botschaft: Das Abzugsdatum in elf Monaten ist reine Symbolik. Obamas Sprecher Bill Burton konterte zwar, dass der Termin "nicht verhandelbar" sei, doch werde sich Umfang und Tempo natürlich an die Gegebenheiten vor Ort anpassen.

"Es macht mir keinen Kummer, zu wissen, dass der Juli 2011 im Raum steht", sagte der Viersterne-General dem Fernsehsender NBC. Was der Präsident von ihm wolle, sei professioneller Rat. Daher werde er "ganz sicher" nicht davor zurückschrecken, Obama einen späteren Rückzug zu empfehlen, wenn er es für richtig halte. Dass in elf Monaten 2000 Soldaten heimkehren, ein Fünfzigstel des US-Aufgebots, kann sich Petraeus vorstellen. Mehr eher nicht. So deutlich hat noch kein Offizier infrage gestellt, was bisher als Fixpunkt des Washingtoner Kalenders galt. Spätestens im nächsten Sommer beginnen die Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2012, sich in Position zu bringen. Obama hofft auf eine zweite Amtszeit, er will nicht als ein Wendehals ins Rennen gehen, der dem Land Frieden versprach und es stattdessen immer tiefer in den Strudel eines fernen Krieges zog, so wie im Falle Vietnams. Auch deshalb stellte er einen Zeitplan auf, als er vor den Kadetten der Eliteschmiede West Point eine Truppenaufstockung verkündete.

Petraeus, der dementiert, dass er selber mit dem Chefsessel im Weißen Haus liebäugelt, kann es sich leisten, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Nach seiner Einschätzung haben sich die Alliierten am Hindukusch über Jahre hinweg nur treiben lassen, ohne eine echte Strategie zu verfolgen. Erst 2009, nach dem Amtsantritt Obamas, habe man den Einsatz zum ersten Mal gründlich überdacht, sagt er. Nun brauche man Zeit, um die neue Strategie umzusetzen: eine schrittweise Übergabe der Verantwortung an die afghanische Regierung.

Dass sein Appell zur Geduld Gehör findet, darf bezweifelt werden. Die Amerikaner sind kriegsmüde, 70 Prozent glauben nicht mehr an einen Erfolg. Unlängst an die Öffentlichkeit lancierte Geheimdokumente, die das wahre Gesicht des Kriegs zeigen, haben Spuren hinterlassen. Sie haben viele Amerikaner darin bestärkt, dass eine westliche Macht zwangsläufig scheitern muss in einer Weltgegend, deren Spielregeln sie nicht wirklich kennt.

Mehr noch ist es die Opferbilanz, die zu einem Stimmungsumschwung führt. Im Juli waren es 66 Särge, die auf amerikanischem Boden landeten. In keinem anderen Monat waren so viele Kriegstote zu beklagen. Nach Angaben der Website icasualties.org fielen bisher insgesamt 2002 Nato-Soldaten, darunter allein 1226 Amerikaner. "Wir kommen voran", versucht Petraeus die Zweifelnden bei der Stange zu halten. "Fortschritt bedeutet, dass wir gewinnen. Es bedarf einer Anhäufung von sehr viel Fortschritt, um im großen Maßstab zu siegen."

Quelle: Rheinische Post

 
 
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