Was glaubt, wer nicht glaubt
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 18.10.2008Nach Einschätzung von Experten werden 2025 in Deutschland die Nicht-Gläubigen in der Mehrheit sein. Schon jetzt wird der Ton der Atheisten aggressiver.
BAD Honnef Wer über Atheisten spricht, redet noch über eine Minderheit. In Zahlen heißt das: Im Jahre 2005 war jeder dritte Deutsche ohne Konfession. Doch die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre macht eine Umkehrung der Verhältnisse in absehbarer Zeit wahrscheinlich. Denn 1990 bezeichneten sich bloß 22,4 Prozent der Deutschen als ungläubig.
Und so prognostizieren mittlerweile etliche Gesellschaftsforscher, dass schon 2025 die Mehrheit der Deutschen keiner der beiden christlichen Volkskirchen angehört und mit dem Glauben nichts mehr zu tun haben wird. Dieser Befund – ausgehend von Daten des aktuellen Religionsmonitors der Bertelsmannstiftung – lässt wenig Raum für Illusionen:
Er zeigt schonungslos, dass der Atheismus in Deutschland kein „modisches“ Phänomen, sondern die Realität unserer Gesellschaft beschreibt. Die kennt freilich noch eine Ost-West-Besonderheit: Während im Westen der Republik der Atheismus überwiegend als bewusstes Wahlverhalten auszumachen ist, so ist im Osten der Unglaube nach vier Jahrzehnten DDR zum sozialisierten Normalverhalten geworden – mit dementsprechenden Ergebnissen:
Dreiviertel aller Ostdeutschen sind Atheisten. Dabei scheint die Vorausberechnung auf das Jahr 2025 als eine Art Bedrohungsszenario jene Renaissance des Glaubens zu ignorieren, von der noch vor kurzem landauf landab so gern die Rede war. Wenn es eine registrierbare Wiederbesinnung je gegeben hat - etwa nach den Terrorakten von 2001 oder stimuliert durch kirchliche Großereignisse wie der Papstwahl und dem Kölner Weltjugendtag – und es nicht nur eine Auto-Suggestion von Gutgläubigen gewesen ist, so hat diese spirituelle Rückkehr auch eine neue Form des Atheismus geboren.
Das Neue an diesem Unglauben ist seine Radikalität: Ihm geht es nicht mehr um die Widerlegung des Glaubens; er kommt ganz ohne Argumente aus, sucht keine inhaltliche Auseinandersetzung. Er ist in gewisser Weise denunziatorisch, in zunehmend aggressivem Ton. Publikumswirksame Atheisten wie Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) haben vornehmlich im Blick, alles Religiöse kurzerhand zu pathologisieren. Es geht darum, den Gläubigen als eine naive Persönlichkeit abzustempeln, die im Grunde nur dumm und letztlich armselig ist.
Eine solch düstere Bilanz zog kürzlich auch Ralph Bergold, der das Katholische Institut in Bad Honnef leitet und zusammen mit dem Theologen Manfred Becker-Huberti zu einer erschreckend aktuellen Disputation geladen hatte. Das Gesprächsthema der Experten: Was glaubt, wer nicht glaubt?
Bei all dem gibt es zwar Spuren eines neuen Interesses am Religiösen, freilich ohne das neue Interesse an Gott. Gewünscht wird eher eine Spiritualität als Wohlfühl-Medium, die „ein Stück weit“ einfach nur gut tut wie der frisch gebrühte Kaffee am Morgen. Wer aber nicht an einen Gott glaubt, der kennt folglich auch keine Verantwortung vor Gott – wie sie in der Präambel des deutschen Grundgesetzes geschrieben steht. Mit dem Gottesbegriff allerdings ist auch die Begründung von Moral verknüpft.
Nun meint Glauben weniger die Gewissheit darüber, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde; vielmehr sind Glaubensaussagen, so Bergold, immer auch Lebensorientierungen, die etwas „über den Stand des Menschen in der Welt“ sagen. Gerade vor diesem Hintergrund nimmt das wachsende Glaubensloch inmitten unserer nach wie vor christlich geprägten Gesellschaft schon jetzt bedrohliche Ausmaße an.
Einen weiteren Schub bekommt der Atheismus durch neue Erkenntnisse der Hirnforschung. „Neurophysiologisch lässt sich Gott als Destillat unserer Hirnfunktionen entwickeln“, so der Salzburger Fundamentaltheologe Maria Hoff. Ist Gott nur ein Hirngespinst? Und der Gläubige demnach ein Opfer der Biochemie? Nach den Worten des Bonner Theologen und Psychologen Christian Hoppe gibt es Versuche, mit denen gezeigt werden konnte, dass bei Probanden mit der Stimulierung der Schläfenlappen im Gehirn das Gefühl des Übernatürlichen erzeugt werden konnte. Oft in der Form, dass einige glaubten, ein unsichtbarer Dritter sei anwesend. Ebenso konnte bei Menschen in tiefer Meditation eine starke Aktivierung des Stirnhirns gemessen werden. Das aber, so Hoppe, sei dann nur noch die Erfahrung eines Gottes als Gegenüber, als eine zweite Wirklichkeit. Gott aber ist nach seinen Worten nicht irgendwie verborgen, sondern das Erlebnis des Augenblicks, der unmittelbaren Gegenwart.
Dass Fragen bleiben, ist der Vorteil der neuen Debatte: Fragen danach, was vom Abendland bleibt, wenn es nicht mehr christlich ist. Müssen dann neue Werte erfunden werden? Heißt Atheismus auch Amnesie? Und was ist der Mensch ohne metaphysische Beheimatung?
Wie ernst oder polemisch diese Debatte auch geführt werden mag, sie wird zur Vergewisserung auch im so genannten Innenraum des Glaubens führen. Ein Witz markiert diesen Wert der neuen Auseinandersetzung. Frage: Warum nerven Atheisten eigentlich so? Antwort: Weil die dauernd über Gott reden.
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