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Warum sich Fleischskandale häufen

VON REINHARD KOWALEWSKY UND CHRISTIN NÜNEMANN - zuletzt aktualisiert: 18.01.2012 - 02:30

Die gestrige Hausdurchsuchung bei Vion in Hilden zeigt, dass unsaubere Geschäfte in der Fleischbranche immer wieder ein Thema werden können. Sowohl der harte Wettbewerb im Lebensmittelhandel wie starkes Gewinnstreben führten in der Branche früher oft zu Verfehlungen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu den Vorgängen.

Hilden/Düsseldorf 150 Beamte von Polizei, Zoll und der Bundesanstalt für Landwirtschaft haben gestern beim Fleischgroßhändler Vion die Büros in Düsseldorf und Hilden durchsucht – der Verdacht der Umetikettierung von Rindfleisch steht im Raum. Anscheinend haben Hinweise von zwei früheren Mitarbeitern die Razzia ausgelöst. Vion betont dagegen, bisher keine Hinweise auf kriminelle Machenschaften zu haben, und will die Ermittlungen unterstützen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu den Vorgängen.

Welches Motiv könnte hinter einer falschen Etikettierung stecken?

Deutsches Fleisch lässt sich in Deutschland grundsätzlich besser verkaufen als Fleisch mit ausländischer Herkunft, sagen Experten. Demnach könnte das Motiv Gewinnstreben sein. Vion sagt dagegen, dass 80 Prozent des Fleisches, das in Hilden verarbeitet wird, an Großkunden geliefert werden, die für Fleisch aus allen EU-Ländern gleich viel zahlen. Dann würde ein Umetikettieren überhaupt keinen Zusatzgewinn bringen.

Ist deutsches Rindfleisch denn grundsätzlich besser als das aus anderen europäischen Ländern?

Nein, grundsätzlich nicht. Die qualitativen Rahmenbedingungen für die Tierhaltung sind in der gesamten EU gleich. Sie werden über das europäische Lebensmittelgesetz geregelt. Experten halten es allerdings für möglich, dass in einigen Ländern Osteuropas Kontrollen lascher als in Deutschland sind.

Was könnten die Hintergründe der Hausdurchsuchungen sein?

Vion trennte sich schon vor mehr als einem Jahr im Streit von zwei früheren Mitarbeitern eines Lieferanten. Die haben angeblich erst einen TV-Sender über angebliche oder tatsächliche Missstände informiert, dann landeten die Vorwürfe bei der Staatsanwaltschaft.

Was spricht gegen die Vorwürfe?

Laut Vion nahm die Staatsanwaltschaft nur aktuelles Material mit. Dies erstaunt, weil die beiden Mitarbeiter über aktuelle Vorgänge eigentlich nichts wissen können. Außerdem wäre es unlogisch, dass Vion strafbare Handlungen fortführt, obwohl anscheinend bekannt war, dass frühere Mitarbeiter das Unternehmen anschwärzten.

Wie bewerten Lebensmittelhändler die Vorfälle?

Der Discounter Real erklärt zum Beispiel, man setze auf Aufklärung der Vorwürfe. Falls falsch etikettierte Ware noch in Regalen sei, würde diese ausgetauscht. Man halte Vion aber grundsätzlich für einen seriösen Lieferanten.

Ist die Gesundheit von Verbrauchern gefährdet?

Bisher gibt es für solche Sorgen keinen Anlass. Die Staatsanwaltschaft geht nicht davon aus, dass Fleisch von fragwürdiger Qualität genutzt wurde.

Warum ist eine Umetikettierung denn ein Problem?

"Ein solches Vorgehen verstößt gegen das Lebensmittelgesetz", sagt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, "das wäre Betrug." Denn mit einer falschen Herkunftsangabe würden die Verbraucher bewusst getäuscht. "Für viele ist das Herkunftsland ein wichtiges Einkaufskriterium", sagt Silke Schwartau, Lebensmittelexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Vion erklärt dagegen, dass die meisten Großabnehmer sowieso nur "EU-Fleisch" bestellen, ohne darauf zu dringen, dass die Ware aus Deutschland kommt.

Wie können sich Verbraucher gegen falsche Etikettierung schützen?

Dagegen können sich Kunden fast gar nicht schützen. "Man sollte aber immer darauf achten, ob Etiketten abgerissen oder überklebt wurden", rät Schwartau. Häufig würden die Schilder aber nicht überklebt, sondern ganz neue Verpackungen verwendet. Informieren können sich Verbraucher auf der Internetseite www.lebensmittelklarheit.de. Da informieren die Verbraucherzentralen darüber, bei welchen Lebensmitteln mehr versprochen als gehalten wird.

Warum gibt es gerade bei Fleisch-Konzernen immer wieder Skandale?

Fleisch hat einen relativ hohen Preis pro Kilogramm. "Hier lohnt sich die Täuschung mehr als etwa bei Orangensaft oder Roter Bete", sagt Schwartau. Auch beim Dioxin-Futtermittelskandal ging es darum, Fleisch möglichst günstig zu produzieren und somit die Gewinnspanne zu erhöhen.

Gibt es einen Grund, warum ausgerechnet in Deutschland so häufig Lebensmittelskandale auffliegen?

Es gibt wenige Länder der Welt, in denen im Lebensmitteleinzelhandel ein so unbarmherziger Wettbewerb tobt wie in Deutschland. Dies liegt auch daran, dass die Verbraucher für Lebensmittel prozentual weniger Geld ausgeben als beispielsweise Familien in Frankreich. Es gibt allerdings den Trend in Deutschland, dass Teile der Verbraucher besonders stark auf die Herkunft der Lebensmittel achten. Darauf reagieren viele Händler mit immer mehr Angeboten von Bio-Lebensmitteln und immer härteren Qualitätskontrollen.

Quelle: RP


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