Vor 60 Jahren: Adenauer Kanzler
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 15.09.2009 - 02:30Düsseldorf. Sven-Georg Adenauer, Landrat in Gütersloh und eines von 24 Enkelkindern Konrad Adenauers (er besaß ebenso viele Ehrendoktorhüte), meint zur Erinnerung an den Tag heute vor 60 Jahren, an dem der Vorfahr mit einer Stimme Mehrheit zum ersten Bundeskanzler gewählt worden war: "Gott sei Dank hat sich mein Großvater nicht der Stimme enthalten, sich selbst gewählt. Wer weiß, wie die Geschichte der damals jungen Bundesrepublik sonst verlaufen wäre."
Was vordergründig nach Ahnenkult klingen mag, ist historisch gesichert: Die starke Persönlichkeit des Gründungskanzlers, der mit 73 Jahren ins Amt kam und den der Publizist Sebastian Haffner "Wundergreis" nannte, war wegweisend wie niemand sonst in den Aufbaujahren der westdeutschen Republik.
Der rechte Mann zur rechten Zeit. Adenauer verankerte die neue Demokratie im Westen, er beendete so die einstmals fatale Schaukelpolitik der europäischen Mittelmacht Deutschland. Er betrieb die Aussöhnung mit dem wichtigsten Nachbarstaat Frankreich und krönte das 1963 gemeinsam mit Staatspräsident Charles de Gaulle im deutsch-französischen Freundschaftsvertrag.
Der Gründungskanzler, der zunächst mit einer bürgerlichen Koalition aus CDU/CSU/FDP und DP (Deutsche Partei) regierte, pflasterte den Weg zum Friedens- und Fortschrittsprojekt Europäische Einigung. Adenauer setzte mit seinem legendären Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard auf eine freiheitliche, sozial abgefederte Wirtschaftsordnung statt auf Planwirtschaft. Durch Adenauers Außenpolitik gewann West-Deutschland in der Freien Welt Anerkennung zurück. Im kommunistischen Osten stellte sich trotz aller ideologischen Gegnerschaft Respekt vor der Beharrlichkeit Adenauers ein. Im September 1955 gelang ihm in Moskau ein politisches Meisterstück: Vereinbart wurden diplomatische Beziehungen zwischen Bonn und Moskau und die Freilassung Tausender deutscher Kriegsgefangener. Adenauer stand im Zenit seines Ansehens. Zwei Jahre später gewannen seine CDU und die CSU bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit.
Adenauer, von den Nazis verfolgt, Ex-OB von Köln (1917 bis 1933 und 1945), war CDU-Vorsitzender von 1950 bis 1966. Er war praktizierender Katholik, aber nicht klerikal. Enkel Sven-Georg zitiert einen Satz des Großvaters: Die Kirche habe zu politischen Dingen nicht Ja oder Nein, sondern Amen zu sagen. Adenauer lehrte die Deutschen, dass sich Demokratie und Führung nicht ausschließen, dass man kompliziert denken, aber einfach sprechen sollte. Menschliche Schwächen machte sich der "politische Fuchs aller Füchse" (Rudolf Augstein) zunutze. Der im Siebengebirge-Ort Rhöndorf beheimatete, gebürtige Kölner und promovierte Jurist repräsentierte rheinisches Bürgertum, stand für Gediegenheit, Stetigkeit, Maß, Schläue, Familien- und Besitzerstolz. Bei einer TV-Umfrage wurde er zum bedeutendsten Deutschen gewählt.
Wer mehr über den Staatsmann und Bürger Konrad Hermann Josef Adenauer wissen möchte, der von 1949 bis Oktober 1963 Bundeskanzler war und am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren verstarb, der besuche sein Wohnhaus am Hang in Bad Honnef-Rhöndorf und das angrenzende kleine Museum.
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