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Unterwegs mit Hannelore Kraft

VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 24.04.2010 - 02:30

SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft will die Wähler davon überzeugen, dass sie näher an den Menschen ist als Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). Wie macht sie das? Wir haben die Herausforderin bei ihrer Bustour durch das Münsterland begleitet.

Hannelore Kraft sitzt am Mittelgang des Reisebusses, hat einen Kaffeebecher in der Hand und plaudert mit den Journalisten. "Wenn Sie Ministerpräsidentin sind, bleiben Sie dann in ihrem jetzigen Haus wohnen?", will einer wissen. Kraft lächelt. Eine blöde Frage. "Was denn sonst?", antwortet die Kandidatin. "Ich bleibe, wie ich bin. Mein Trumpf ist, dass ich authentisch bin." Im Gegensatz zu Jürgen Rüttgers, soll das heißen. Aber das sagt sie nicht.

Die Zeiten, in denen Hannelore Kraft die Abteilung "Attacke" in der SPD anführte, sind vorbei. Sie will Ministerpräsidentin werden, glaubt, an Rüttgers vorbeiziehen zu können, weil sie bei den Menschen besser ankommt. An diesem Tag geht es ihr darum, die Wähler im Münsterland für sich zu gewinnen. Eine Gegend, die SPD-Diaspora ist. "Für uns zählt jede Stimme", sagt die SPD-Chefin. "Auch auf dem Land ist die Unzufriedenheit mit Schwarz-Gelb groß."

Ennigerloh, das Werk von Heidelberger Zement. Kraft schüttelt den Malochern die Hand, hört sich in einem Konferenzraum die Klagen der Geschäftsleitung über die europäische Energiepolitik an. "Wir bleiben beim Ausstieg aus der Atomenergie", erklärt Kraft. "Da ist man mit einem Flugzeug losgeflogen, ohne eine Landebahn zu haben." Alle nicken. Kraft warnt die Arbeitnehmer vor der FDP: "Die will euch an die Nachtschichtzulage ran." Kritischen Fragen zur Agenda-Politik weicht sie nicht aus. Über manches müsse man noch mal nachdenken. Auch über die Rente mit 67. Das kommt an. Der Betriebsrats-Chef setzt ein Zeichen dafür, dass er jetzt Frieden mit der SPD machen kann, und füllt einen Mitgliedsantrag aus.

Der Biohof Deventer in Drensteinfurt. Kraft lässt sich mit Kühen und Kälbchen ablichten, diskutiert – im Stall auf Strohballen sitzend – mit Bauern über die Milchpreise. Diesmal hört sie vor allem zu, räumt ein, dass sie die Zusammenhänge noch nicht voll durchblickt und dazulernen will. "Ein sympathischer Zug", findet der örtliche SPD-Fraktionschef Reinhard Bünningmann und schmunzelt. "Manche denken ja, sie wüssten alles."

Universität Münster, Domplatz, Hörsaal F 1. Kraft tritt bei einer Podiumsdiskussion mit Vertretern aller Parteien zur Hochschulpolitik auf. Hier gilt es, Kritiker zu überzeugen. Die Jusos wollen Kraft "grillen", weil sie die Studiengebühren nicht sofort nach einem Wahlsieg abschaffen will. Doch die Politikerin nimmt ihnen den Wind aus den Segeln. "Ich hätte nicht studieren können, wenn es damals Studiengebühren gegeben hätte", ruft sie in den Saal und bekommt tosenden Beifall. Man könne die Gebühren aber nur schrittweise abbauen, weil die Neufinanzierung der Hochschulen geregelt werden müsse. "Ich mache reale Politik. Für Wolkenkuckucksheime sind andere zuständig", sagt Kraft und blickt auf den neben ihr stehenden Landtagskandidaten Rüdiger Sagel von der Linkspartei. "Ein klarer Punktsieg für die SPD", findet die Studentin Cathrin Ingensiep (22). Als Kraft den Saal verlässt, schüttelt sie einem Juso mit Hut besonders herzlich die Hand. Es ist der SPD-Helfer, der im vergangenen Jahr die "Rumänen-Rede" von Ministerpräsident Rüttgers aufgezeichnet hatte, die die CDU schwer unter Druck gesetzt hatte.

Halle Münsterland, Gespräch mit Senioren. Eine Dame will wissen, warum Deutschland den Griechen finanziell helfe, aber die Hartz-IV-Empfänger im Stich lasse. Kraft nickt, erklärt, die Sätze für arme Kinder müssten erhöht werden. Die Griechenland-Pleite habe sie "nicht überrascht". Die Senioren erfahren, dass Kraft Ökonomin ist und früher Unternehmen beraten hat. Ludwig Schmülling ist beeindruckt. "Eine kompetente Frau", sagt der 72-Jährige. "Die kann Rüttgers das Wasser reichen."

"Von Mensch zu Mensch". Abendveranstaltung mit Referat von Gesine Schwan. Moderator Reinhard Münchenhagen lässt keinen Zweifel daran, wo er politisch steht. In NRW "rieche es nach neuer Hoffnung", erklärt er. Er ist seit einigen Wochen mit Kraft unterwegs, stellt ihr persönliche Fragen, immer andere, wie er betont. So sollen die Wähler die private Seite von Hannelore Kraft richtig kennenlernen. Er will es menscheln lassen. Kraft will das auch.

Kraft, die starke Frau. Einer muss der Chef sein, sie ist es. In der Politik zumindest. Zu Hause hat Ehemann Udo das Heft in der Hand. "Ich kann nicht auch noch die Bude aufräumen, wenn ich nachts nach Hause komme", erklärt Kraft offen. Mama Anni wohnt mit im Haus, aber in einer anderen Wohnung, weil: "Sonst gäbe es Tote." Kraft, der Familienmensch. Sie ist stolz auf ihren Sohn Jan, weil der mit 17 "verdammt vernünftig ist". Ihr Vater, der schon mit 50 starb, wäre wohl auch stolz auf sie gewesen. "Aber er hätte wahrscheinlich auch Angst um mich gehabt", sagt sie nachdenklich. "In der Politik befindet man sich schließlich in einer Schlangengrube." Kraft, die Frau, die ihre Schwächen kennt. "Ich kann auch schon mal lospoltern, wenn mir einer quer kommt", sagt Kraft. "Meine Mama hat immer behauptet, ich sei ein Dickkopf – aber das stimmt nicht." Alle lachen.

Später im Bus sagt Kraft, dass sie gerne ganz nah bei den Menschen sei. Sie findet nicht, dass sie erschöpft aussieht. Nur die blöden Fragen nerven oft. Ob sie jetzt die gleichen Jacken trage wie Angela Merkel, will ein Magazin-Reporter wissen. Das findet Kraft ein bisschen unverschämt. Wahlkampf macht oft Spaß, aber nicht immer.

Internet: Ein Video zur Wahlkampftour von Hannelore Kraft unter www.rp-online.de/landtagswahl

Quelle: Rheinische Post

 
 
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