TV-Duell – Bilanz der Schwächen
VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 15.09.2009 - 02:30Wenige Kontroversen, zu viele Allgemeinplätze, schwache Moderatoren – der Fernseh-Zweikampf der Spitzenkandidaten hat sich nach Ansicht von Experten überholt. Vor allem die jüngeren Zuschauer zogen andere Programme dem Polit-Ereignis vor.
Berlin. Gut 50 Minuten nach Sendebeginn kam beim sonntäglichen TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten doch so etwas wie eine echte Kontroverse auf. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier rechnete der Bundeskanzlerin und gelernten Physikerin Angela Merkel (CDU) vor, dass die geplanten Steuersenkungen einer schwarz-gelben Regierung ein Wachstum von neun Prozent erforderten. "Das gab es in der Bundesrepublik noch nie", triumphierte der SPD-Politiker. Umgehend wies Merkel die Zahlenspielereien zurück.
Es war der einzige richtige Schlagabtausch in einem sonst wenig konfrontativen Zweikampf. "Duett statt Duell", witzelte die TV-Fragerin Maybrit Illner und traf damit ins Schwarze. Doch von solchen Geistesblitzen abgesehen, trugen auch die vier TV-Moderatoren von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 nach Kräften dazu bei, spannende Wortgefechte eher zu unterbinden als zu fördern. Auch nach der ersten Runde, deren Details mit Frage- und Antwortzeiten minutiös festgelegt waren und kaum Raum für eine lebhafte Diskussion ließen, wirkten die Fernsehprofis blass, beschränkten sich auf Fragen, die eher zu ausweichenden Antworten einluden als zu scharfen Kontroversen. Daran änderten auch kritische Nachfragen nur wenig.
Einzig ARD-Vertreter Frank Plasberg durchbrach das Schema, brachte den Alltag ins Spiel, fragte nach Mindestlöhnen von Friseurinnen oder der Diskrepanz zwischen den Wartezeiten für Sozialpatienten und der privaten Nutzung von Dienstwagen durch die Gesundheitsministerin. Ähnliche Fragen zu Bildung oder zur Steuerentlastung für Familien blieben indes aus. Plasbergs Kollegen nahmen überdies dessen Fäden selten auf, konzentrierten sich lieber auf ihre Fragen. Folge: Der Gesprächsfluss während der 90 Minuten war oft empfindlich gestört. Bisweilen ging es den Fragestellern eher darum, mit originellen Wortschöpfungen wie der "Tigerenten"-Koalition (für "Schwarz-Gelb") zu glänzen als die beiden Kontrahenten zu konkreten Aussagen zu zwingen.
Die Schuld an dem dahinplätschernden TV-Duell trifft aber nicht die Moderatoren allein. Das Format mit vier unterschiedlichen Fragestellern trug das Seine zur allgemeinen Langeweile bei. Merkel und Steinmeier beschränkten sich darauf, die Fragen zu beantworten. Ein echtes Zwiegespräch kam kaum zustande. Ein einziger Moderator als Stichwortgeber hätte die beiden zu mehr Streit um Inhalte und Programme animiert.
Unter Experten ist das Format inzwischen umstritten. Der Chefredakteur des Deutschlandsfunks, Stephan Detjen, fand, das Duell habe sich "in dieser Form überlebt". Medienberater Michael Spreng empfiehlt, auf direkte Duelle der Spitzenkandidaten künftig ganz zu verzichten. "Die Zeit solcher Zweikämpfe ist abgelaufen", sagte der einstige TV-Coach des ehemaligen CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. So denkt auch das Publikum. Denn nur 14 Millionen wollten das Duell sehen. 2005 waren es noch über 20 Millionen.
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