Streit um NRW-Schulpolitik
VON DETLEV HÜWEL - zuletzt aktualisiert: 31.08.2010 - 02:30Die Schulpolitik der NRW-Minderheitsregierung, die auf die neuen Gemeinschaftsschulen setzt, führt nach Einschätzung des Philologenverbandes zu einem "Flickenteppich als Ausdruck der Zerrissenheit". Landesvorsitzender Peter Silbernagel warnte die Regierung davor, den "Bildungsföderalismus auf die Spitze zu treiben" und den Kommunen die Verantwortung für das Schulangebot zu überlassen. Rot-Grün strebe den kompletten Umbau des Schulwesens an, auch wenn Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) dies mit "Beruhigungs- und Beschwichtigungslyrik" zu kaschieren versuche. Tatsächlich aber sollten die profilierten Schulformen wie das Gymnasium zerschlagen werden.
Der Philologenverband, in dem die Gymnasiallehrer organisiert sind, habe auch kein Verständnis dafür, dass die Verringerung der Klassengrößen in erster Linie den Gemeinschaftsschulen zugutekommen solle. Dasselbe gelte für das Ganztagsangebot, für Stellen im gemeinsamen Unterricht mit Behinderten sowie für Fortbildungsangebote für Lehrer. Eine einseitige Bevorzugung der Gemeinschaftsschulen werde sein Verband nicht hinnehmen, betonte Silbernagel.
Ministerin Löhrmann ist zuversichtlich, schon bald die Genehmigung für die erste Gemeinschaftsschule – sie soll im münsterländischen Ascheberg entstehen – erteilen zu können. Zudem sei etwa ein Dutzend weiterer Kommunen an einer Gemeinschaftsschule interessiert. Aus Gründen der Vertraulichkeit wolle sie aber noch keine Namen nennen, hieß es auf Anfrage.
Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Sigrid Beer, warf Silbernagel vor, der "alten abgewählten Schulpolitik" nachzutrauern. Er verdamme die geplanten "Korrekturen" bei den Kopfnoten und Grundschulgutachten, die von vielen Lehrern gefordert werden, in Bausch und Bogen. Der Verband habe wohl "mächtig Angst" davor, wie sich die Gymnasien im nächsten Jahr verhalten werden, wenn sie sich für oder gegen das Turbo-Abitur entscheiden könnten.
Silbernagel hält die einmalige Wahlfreiheit für "falsch und feige". Im Interesse der Schulen und Schüler müsse es bei der verkürzten Schulzeit bleiben; alles andere führe ins "Organisationschaos". Silbernagel: "Rein in die Kartoffel, raus aus den Kartoffeln – das kann es nicht sein." Allerdings räumte er ein, dass das Turbo-Abitur von Schwarz-Gelb "schlecht eingestielt" und "pädagogisch halbherzig" angegangen worden sei.
Die Wahlmöglichkeit, das Abitur nach zwölf oder 13 Jahren anzubieten, werde "unglaubliche Unruhen in die Gymnasien tragen", sagte die FDP-Politikerin Ingrid Pieper-von Heiden voraus. Auch der CDU-Bildungsexperte Klaus Kaiser ist sicher, dass die Ankündigung Löhrmanns "große Unsicherheit" bei den Eltern ausgelöst hat.
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