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Düsseldorf: So funktioniert die Sekundarschule

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 21.07.2011 - 02:30

Düsseldorf (RP). Gemeinschaftsschule, Verbundschule, Sekundarschule – in der NRW-Schulpolitik ist heftig mit Begriffen jongliert worden. Herausgekommen ist nun ein Schulkonsens, der fürs Erste ein vielgliedriges System vorsieht – mit dem technokratischen Namen "Sekundarschule" für die neue Schulform statt der emotionaleren "Gemeinschaftsschule". 2012 sollen die ersten Sekundarschulen starten.

Grundsätzliches Die Sekundarschule umfasst die Schuljahre 5 bis 10. Sie muss mindestens drei Eingangsklassen haben. Ihre Lehrpläne orientieren sich an denen der Real- und Gesamtschule. Sie soll in der Regel eine Ganztagsschule sein.

Abgrenzung Die Sekundarschule steht zwischen dem rot-grünen Projekt Gemeinschaftsschule und dem schwarz-gelben Kind Verbundschule. Die Gemeinschaftsschule sollte ebenso die Möglichkeit zu gemeinsamem Lernen bis Klasse 10 bieten wie einen Weg zum Abitur. In der Verbundschule kooperieren Haupt- und Realschulen in getrennten Bildungsgängen.

Die Sekundarschule ist der klassische Kompromiss: Sie bietet längeres gemeinsames Lernen wie die Gemeinschaftsschule – obligatorisch in Klasse 5 und 6, möglich bis Klasse 10. Sekundarschulen dürfen aber nicht, wie für die Gemeinschaftsschulen geplant, eine eigene Oberstufe anbieten. Das haben sie mit den Verbundschulen gemein.

Übergänge Die Sekundarschule soll nicht nur den Weg zum Abitur offenhalten wie etwa die Realschule, sondern sie soll einen vorgezeichneten Weg zum Abitur anbieten – indem jede Sekundarschule mit der gymnasialen Oberstufe eines Gymnasiums, einer Gesamtschule oder eines Berufskollegs zusammenarbeitet. Eltern, die ihr Kind auf eine Sekundarschule schicken, sollen also von vornherein wissen, wo es später sein Abitur ablegt. Die Schulzeit soll in der Regel neun Jahre betragen – wie bei der Gesamtschule.

Ob damit die Sekundarschule die vielbeschworenen "gymnasialen Standards" erfüllt, ist Gegenstand der Interpretation. Befürworter der alten Gemeinschaftsschule, die eben das leisten sollte, sagen Ja. Auch in den Eckpunkten, die Rot-Grün und die CDU vorgelegt haben, ist vermerkt, durch die Orientierung an der Gesamtschule würden "gymnasiale Standards gesichert". Peter Silbernagel, Chef des Philologenverbands NRW, spricht dagegen von einer "ehrlicheren Strukturierung", weil die Sekundarschule gerade nicht mehr in direkter Konkurrenz zum Gymnasium stehe.

Fremdsprachen Die zweite Fremdsprache in Klasse 6 ist nicht verpflichtend. Wer über die Sekundarschule zum Abitur kommen will, muss sie aber spätestens in Klasse 8 belegen. So soll der Anschluss zur Oberstufe gewährleistet werden.

Bevorzugung Die Sekundarschule soll gegenüber Haupt-, Real- und Gesamtschule leicht bevorzugt werden – für eine Sekundarschul-Gründung werden nur drei Klassen à 25 Schülern benötigt. Bei Gesamtschulen sind es vier Klassen à 25; Haupt- und Realschule haben einen Richtwert von 28. Der Unterschied soll aber schrittweise verringert werden. Sekundarschul-Lehrer haben 25,5 Wochen-Pflichtstunden – wie an Gymnasium und Gesamtschule, aber zweieinhalb weniger als an Haupt- und Realschulen.

Gemeinschaftsschulen Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass trotz der Einführung der Sekundarschule zum neuen Schuljahr, also am 1. August, zwölf Gemeinschaftsschulen ihren Betrieb aufnehmen. Schließlich hatten die Gerichte den Plan des Ministeriums gestoppt, bis zu 50 Gemeinschaftsschulen per Schulversuch zu errichten. Weil aber die zwölf Gemeinschaftsschulen rechtskräftig genehmigt waren, genießen sie Bestandsschutz. Alle zwölf müssen sich allerdings binnen sechs Jahren (so lange läuft der Schulversuch) ins neue Schulsystem integrieren, also zu Sekundar- oder Gesamtschulen umwandeln.

Zielgruppe Die Mehrzahl der neuen Sekundarschulen dürfte zunächst in ländlichen Regionen entstehen – dort sinken die Schülerzahlen am stärksten; dementsprechend ist dort der Druck am höchsten, Schulen zusammenzulegen, um eine weiterführende Schule zu erhalten. Die Sekundarschule wird langfristig vielerorts die einzige Schule werden, die zum Abitur führt. Weil an der Sekundarschule auch alle anderen Abschlüsse erreicht werden können, dürfte sie auch für Eltern attraktiv sein, die ihre Kinder für "Spätstarter" halten und sie noch nicht nach der Grundschule in eine der klassischen Schulformen "einsortieren" möchten.

Alles noch komplizierter? Eine Vereinfachung bringt die Schulreform auf den ersten Blick nicht. Mit der Sekundarschule bekommt NRW zunächst sogar eine Schulform mehr. Trotzdem könnte die Sekundarschule langfristig zu einer Vereinfachung des Schulsystems führen, zumal die Tage der Hauptschule gezählt sein dürften und den Realschulen nach Ansicht von Bildungsforschern ebenfalls der Schülerschwund droht. Beispiel Schleswig-Holstein: Dort führte 2007 die große Koalition die Gemeinschaftsschule ein, in der in der Regel gemeinsam bis Klasse 10 gelernt wird. Haupt- und Realschulen verschmelzen dort derzeit zur sogenannten Regionalschule; deren Zusammenführung mit der Gemeinschaftsschule ist geplant – übrig bliebe ein zweigliedriges System.

Quelle: RP


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