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Schlecht beraten

VON LOTHAR SCHRÖDER UND CHRISTIAN SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 14.08.2010 - 02:30

Ein Medienprofi, der die Stadt Duisburg nach der Loveparade-Katastrophe beraten soll, sorgt für Irritationen – ebenso wie das anhaltende Schweigen des künstlerischen Ruhr-2010-Direktors Dieter Gorny.

Essen Jede Katastrophe verlangt Aufklärung. Und die ist nur im öffentlichen Raum möglich. Wie schwierig der Umgang aber damit ist, zeigt die Loveparade-Tragödie in Duisburg. So herrscht reichlich Unmut im dortigen Rathaus, dass Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sich vom Ex-"Focus"-Journalisten Karl-Heinz Steinkühler beraten lässt. "Viele können das nicht begreifen, zumal die Stadt ja einen eigenen Pressestab hat", so eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht nennen möchte.

Auch bei SPD und FDP gibt es Stimmen, die die Unterstützung eines Medienprofis nicht begrüßen. "Wie kann eine Stadt wie Duisburg, die kein Geld hat, so einen kostspieligen Berater für sich arbeiten lassen?", fragt Friedrich Prüßmann (SPD). Wilhelm Bies von der FDP-Fraktion beklagt die mangelnde Kommunikation. "Ich habe erst aus der Zeitung erfahren, dass die Stadt einen PR-Profi beauftragt hat."

Vermittelt hat den Berater die Anwaltskanzlei "Heuking, Kühn, Lüer, Wojtek", die die Stadt seit der Tragödie juristisch betreut. Die Kanzlei hat auch das "Gutachten" erstellt, dass die Stadt dem Innenministerium vorlegen musste. Steinkühlers Honorar wird auf mehr als 2000 Euro pro Tag geschätzt. "Ein Stundensatz von mehr als 300 Euro für solche Profis ist üblich", so Gertrud Masuch von der Gesellschaft "Public Relations Agenturen". Steinkühler selbst wies die Honorar-Spekulationen als "Quatsch" zurück, die Kanzlei hat gestern auf eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung nicht reagiert. Dem Vernehmen nach soll die Stadt für solche Fälle im Haushaltsplan rund 500 000 Euro veranschlagt haben. Damit soll, so eine Rathaus-Mitarbeiterin, nicht nur der PR-Profi, sondern die Anwaltskanzlei bezahlt werden. Wobei Steinkühler Wert darauf legt, kein PR-Berater, sondern Medien-Berater zu sein.

Beratung in Sachen Öffentlichkeitsarbeit vertragen könnte Dieter Gorny, künstlerischer Direktor der Ruhr 2010. Gorny sah in der kurzzeitig diskutierten Absage der Loveparade eine "Blamage" für den Pott. Seit dem Tag der Katastrophe schweigt Gorny. Zwar ist immer wieder betont worden, dass die Loveparade zum Programm der Kulturhauptstadt zählte – doch ohne organisatorische und finanzielle Beteiligung. Eine treibende Kraft ist Ruhr 2010 dennoch gewesen. Auch durch die fordernde Person Dieter Gorny.

Mittlerweile ist Gorny abgetaucht; Interviews lehnt er ab. Das Schweigen fällt auf und scheint mit jedem Tag lauter zu werden in den Ohren jener, denen die Katastrophe nach wie vor nahegeht. Und die verschaffen sich dort Gehör, wo alles Meinen öffentlich ist – im Internet. Im "Blog Fürst" wird Gorny sogar eine Art Mitschuld unterstellt, vor allem wird seine Macht kritisiert; Gorny, so heißt es, sei ein "gerissener Lobbyist". Keine Frage, der 56-Jährige hat Einfluss, nicht nur als künstlerischer Direktor von Ruhr 2010, sondern auch als Aufsichtsratsmitglied der Filmstiftung NRW, als Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrats sowie Chef des Bundesverbandes der Musikindustrie. Bei Gorny, der die Popkomm erfand und den Musiksender Viva gründete, laufen etliche Fäden zusammen. So etwas schafft Freunde und Feinde fürs Leben.

Andere Prominente haben vor der Loveparade ebenfalls für das Mega-Event geworben. Eine von ihnen war NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Aber kaum einer hat nach der Katastrophe geschwiegen. Auch die Verantwortlichen der Kulturhauptstadt haben Stellung genommen, namentlich ihr Geschäftsführer Fritz Pleitgen. Früh übernahm er eine moralische Verantwortung, ging sogleich aber auf Halbdistanz zum furchtbaren Ereignis. Im Gespräch mit der Rheinischen Post sagte er: "Ich will mich davor nicht drücken, aber eine planerische, konzeptionelle Mitverantwortung teilen wir bei bestem Wissen und Gewissen nicht." Und er fügte ohne Erinnerung an Gornys Worte an: "Wir haben weder gefordert noch angeregt, dass die Loveparade stattfinden soll."

Die Menschen nehmen solche Rechtfertigungen sowohl den Sprechern als auch Ruhr 2010 übel. In die Trauer und die Wut über die Pannen mischt sich auch Unmut über die kulturhauptstädtischen Mitveranstalter. Das ist für Ruhr 2010 zum Kommunikationsproblem geworden. Davon zeugen die kritischen Kommentare auf der Facebook-Seite der Kulturhauptstadt, die eine Erklärung notwendig machten: Nein, heißt es, man distanziere sich keineswegs von der Loveparade und wolle auch "nicht einfach zur Tagesordnung übergehen". Ob das ankommt?

Für den 12. September ist in Duisburg die "Sinfonie der Tausend" geplant, mit der nun auch der 21 Toten gedacht werden soll. Sofort machte sich Empörung breit, dass man mit der Katastrophe Werbung für eigene Konzerte machen wolle. Dabei ist die "Sinfonie der Tausend" seit Beginn im Programm von Ruhr 2010 und seit vielen Wochen ausverkauft.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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