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Russland zwischen Feuer und Frust

VON GODEHARD UHLEMANN - zuletzt aktualisiert: 10.08.2010 - 02:30

Die Lebensbedingungen in Moskau werden für die Bewohner immer unerträglicher: Der giftige Smog ist dicht, die Todesfälle nehmen dramatisch zu. Inzwischen wächst auch die Angst vor Epidemien. Viele Moskauer verlassen die Stadt.

Moskau/Düsseldorf Die Bilder aus den brennenden Weiten Russlands – weit vor den Toren Moskaus – muten gespenstisch an. Menschen irren durch eine Aschewüste. Sie stehen frustriert vor den verkohlten Ruinen ihrer Häuser und stochern nach Überresten ihrer Habe. Nichts ist mehr da, was ihr früheres Leben ausmachte. Einst grüne Bäume stehen heute als leblose Stangen da, schwarz und ausgeglüht. Die Tiere sind geflohen – so sie denn noch konnten. Ansonsten wurden sie Opfer einer Feuerwalze, deren Ausmaße viele Bewohner unterschätzt hatten.

Die Wut auf "die da in Moskau", die ihrer Meinung nach noch immer nicht fähig sind, mit einem effektiven Krisenmanagement die Katastrophe zu meistern, eint die empörten Russen. Ihr Dorf Werchnjaja Wereja gibt es nicht mehr, und das Versprechen von Ministerpräsident Putin, das Dorf mit Geldern aus Moskau wieder aufzubauen, stößt auf Skepsis.

In Moskau klettert das Thermometer immer wieder auf die 40-Grad-Marke. Die Folge liegt auf der Hand: ein unerträglicher beißender Smog aus dem giftigem Rauch der brennenden Torf- und Waldgebiete. Auch tagsüber fahren die Autos mit Licht, Menschen versuchen gar mit Gasmasken gegen die verpestete Luft anzukommen. Herz- und Kreislaufversagen haben zugenommen. Auch geht die Sorge um, es könnten nun Epidemien ausbrechen. In 52 von 83 russischen Regionen hat sich die Wasserqualität nach Angaben der Gesundheitsbehörde verschlechtert.

Zudem drohen Versorgungsengpässe: Russland senkt wegen der andauernden Trockenheit im Land seine Prognose für die diesjährige Getreideernte weiter. Die Ernte werde nur 60 bis 65 Millionen Tonnen einbringen, sagte Regierungschef Wladimir Putin gestern. Vor einer Woche hatte Vize-Landwirtschaftsminister Alexander Bejajew die Prognose auf 70 bis 75 Millionen Tonnen reduziert. Normalerweise erntet Russland rund 90 Millionen Tonnen Getreide. Im vergangenen Jahr hatte das Land sogar eine Rekordernte von 97 Millionen Tonnen eingefahren. Vorsichtshalber hat die Regierung ein Exportverbot für Weizen und Weizenprodukte angeordnet.

Von der Staub- und Rauchwolke in Moskau ist auch die Kathedrale betroffen. Wegen des Qualms können die täglichen Gottesdienste nur noch im Kellergeschoss gefeiert werden, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete. Auch in orthodoxe Kirchen sei als Folge der verheerenden Waldbrände Rauch eingedrungen. Trotzdem gingen zahlreiche Moskauer in Kirchen und beteten dort um Regen.

Wer kann, hat die Stadt längst verlassen. Nach Angaben des Reiseveranstalterverbandes buchen die reicheren Moskauer Auslandsreisen. Ziele in Ägypten, der Türkei oder Montenegro seien ausverkauft, sagte Irina Turina vom Verband der Reiseveranstalter dem Moskauer Radiosender "Echo". Der große Teil der Bevölkerung muss ausharren. Er kann im Fernsehen Bilder sehen, wo politisch Verantwortliche beteuern, alles im Griff und die Feuer unter Kontrolle zu haben. Stattdessen alarmieren Meldungen die Menschen, dass sich die Feuerwalze auf ein atomares Forschungszentrum am Ural zubewegt.

Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow (74) ist mittlerweile an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Viele Moskauer nehmen ihm übel, dass er in Zeiten der Not und Bedrängnis lieber im Urlaub blieb, als sich um die Überlebensbedingungen für seine Stadtbewohner zu kümmern. Die harschen Kommentare in der Hauptstadtpresse haben den Mann, der liebend gern schwarze Lederjacken und eine Schiebermütze trägt und seit 1992 die Geschicke der Stadt lenkt, getroffen. Er sei zur Behandlung einer "Sportverletzung" fern von Moskau gewesen, doch wo und warum genau, sagte sein Sprecher nicht.

Luschkow habe die Behandlung unterbrochen, um nach Moskau zurückzueilen, wo die Luftverschmutzung am Wochenende das Sechsfache der erlaubten Grenzwerte erreicht hatte. Allerdings wissen auch die Moskauer: Dagegen kämpft auch Luschkow vergebens.

Quelle: Rheinische Post
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