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Röttgen – Hoffnungsträger seit 16 Jahren

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 03.11.2010 - 02:30

Norbert Röttgen ist der neue starke Mann der Christdemokratie. War er gerade noch der Verlierer im Atomstreit, wird der 45-jährige Umweltminister nun als "Guttenberg der CDU" gefeiert. Röttgen wird der mächtigste Merkel-Stellvertreter. Auf dem Weg nach oben hat er politische Freunde verloren.

Die erste Grußbotschaft kommt von einem Vorgänger. "Der kann das", kommentierte Norbert Blüm gestern die bevorstehende Wahl von Umweltminister Norbert Röttgen zum CDU-Chef in NRW. Ausgerechnet Blüm. Der als nordrhein-westfälischer CDU-Vorsitzender gescheiterte Ex-Arbeitsminister gilt bei Röttgen-Gegnern als mahnendes Beispiel dafür, dass ein Mitglied der Bundesregierung nicht gleichzeitig CDU-Chef an Rhein und Ruhr sein könne. Eine Landesregierung könne nur aus dem Land heraus gestellt werden, sagen sie.

Nun will Röttgen das Gegenteil beweisen und bei einer möglichen Neuwahl nicht nur die Spitzenkandidatur für die NRW-CDU übernehmen, sondern Rot-Grün aus dem Amt jagen. Am Samstag soll der 45-Jährige zum Chef von 160 000 organisierten Christdemokraten gewählt werden. Eine Woche später dürfte Röttgen zum Stellvertreter der Bundesvorsitzenden Angela Merkel aufsteigen. Mit dem Chef des größten Landesverbands sitzt an Merkels Kabinettstisch künftig ein gewichtiger Konkurrent. Röttgen, der Reservekanzler.

Selbstzweifel gehörten bisher auch nicht zu den Merkmalen seines politischen Lebens. Im Gegenteil: Wer einen Leitfaden für effiziente Karriereplanung in der West-CDU herausgeben will, sollte Röttgen das Vorwort schreiben lassen.

Mit 17 Jahren, zwei Jahre vor seinem Abitur, tritt der Sohn eines Gewerkschafters der Jungen Union (JU) bei. Auf dem Schulhof des politisch eher links stehenden Städtischen Gymnasiums in Rheinbach (30 Kilometer südlich von Bonn) gehört der adrett gekleidete Musterschüler zur Kategorie Streber. Rebellentum ist von Röttgen nicht bekannt. Nach der Schule wird Politik gemacht. In der JU erwirbt er sich einen Ruf als scharfzüngiger Redner. "Ein intelligenter Kerl mit Schneid", erinnert sich ein früherer CDU-Landesvorstand. "Muttis Klügster" wird Röttgen in Anlehnung an den koalitionsinternen Spitznamen von Kanzlerin Merkel noch heute genannt.

Was folgt, ist Aufstieg pur. 1992 übernimmt Röttgen von Ronald Pofalla den Vorsitz der Jungen Union in NRW. Kurz darauf zieht er mit nur 29 Jahren für den Rhein-Sieg-Kreis in den Bundestag ein. Dort kämpft er mit jüngeren Fraktionskollegen für eine Liberalisierung des Staatsbürgerschaftsrechts – und stellt sich damit gegen CDU-Kanzler Helmut Kohl, den er vor 16 Jahren als JU-Chef im Wahlkampf unterstützte.

2005 wird Röttgen Geschäftsführer der Fraktion, profiliert sich mit wegweisenden Reden als Wirtschaftsexperte. 2009 ernennt Merkel ihn überraschend zum Umweltminister. Ausgerechnet Röttgen, der vor Jahren fast Cheflobbyist des Industrieverbands BDI geworden wäre, sich aber dann doch für sein Mandat entschied, verkündet seither den Öko-Umbau der Republik.

Geschmeidig war der smarte Rheinländer schon immer. Nachhaltigkeit ist nun sein Lieblingsthema geworden. Die Grünen loben den CDU-Mann intern, auch wenn Röttgen im Streit um die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke eine Schlappe einstecken musste. Als Kanzleramtschef wurde er gehandelt, Fraktionschef wollte er nach dem Wahlsieg 2009 werden – zum Unmut von Amtsinhaber Volker Kauder. Wo in der CDU ein führender Posten zu besetzen war, fiel Röttgens Name. Zugetraut hat er sich bisher noch jeden Job.

Die Heimat vernachlässigt Röttgen, der mit der Arbeitsrechtlerin Ebba Herfs-Röttgen verheiratet ist und drei Kinder hat, dabei nicht. Fünfmal hintereinander gewinnt er seinen Wahlkreis direkt. "Er kümmert sich rührig um seine Basis", lobt Anne Viehmann, langjährige CDU-Fraktionschefin in Meckenheim. "Wenn es einen wichtigen Termin gibt, ist er da."

Röttgens Werdegang trägt auch paradoxe Züge. Kaum ein CDU-Politiker hat seine Karriere so früh, so stringent und so ehrgeizig verfolgt wie der Katholik aus dem Rheinland. Politische Freundschaften kann er trotzdem kaum vorweisen. "Das Netzwerken geht ihm ab", sagt ein Weggefährte. "Seiner Karriere fielen Verbündete zum Opfer." Röttgen war Mitglied der "Pizza-Connection", jenes Zirkels liberaler Christdemokraten, die sich in den 90er Jahren in Bonn mit Grünen-Politikern anfreundeten. Mit Protagonisten von damals, Kanzleramtschef Pofalla etwa, hat sich Röttgen überworfen. Das Verhältnis zu Fraktions-Geschäftsführer Peter Altmaier und dem Chef der NRW-Parlamentarier, Peter Hintze, gilt als abgekühlt. Mit Duzfreund und Grünen-Chef Cem Özdemir versteht er sich besser als mit vielen CDU-Kollegen.

Zu oft macht Röttgen Parteifreunden klar, dass er ihnen intellektuell überlegen ist. "Wenn ihn ein Gesprächspartner langweilt, zeigt er es", sagt einer, der Röttgen nahesteht. Das unterscheidet ihn wohl auch von Volksliebling Karl-Theodor zu Guttenberg, dem Star der CSU. Als NRW-CDU-Chef muss Röttgen aber zusammenführen und versöhnen. Für den zerstrittenen Landesverband gilt besonders, was Röttgen in seinem Buch über politische Führung geschrieben hat. "Navigation durch ein schwieriges, unübersichtliches Gelände."

Internet Mehr zur Situation der NRW-CDU unter www.rp-online.de/politik

Quelle: Rheinische Post

 
 
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