Berlin: Reich-Ranicki erinnert an Holocaust
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 28.01.2012 - 02:30Berlin (RP). So oft glauben wir, eine ergreifende Situation zu erleben; aber so selten trifft es derart genau zu wie gestern zum Holocaust-Gedenktag. Denn es wird im Deutschen Bundestag keinen gegeben haben, der nicht bewegt die unendlich mühevollen Schritte von Marcel Reich-Ranicki zum Rednerpult verfolgte und die Sammlung des 91-Jährigen, bevor er zu reden begann. Wie schließlich die Last der Vergangenheit in seinen nur noch leisen Worten hörbar und der lange Gang der Geschichte in seiner Gebrechlichkeit sichtbar wurde.
Es war offensichtlich für jeden: Dass dieser Mann vor den Abgeordneten des Hohen Hauses, vor Bundeskanzlerin und Bundespräsident die wenigen verbliebenen Kräfte mobilisierte, um noch einmal von seinem Schicksal im Ghetto von Warschau Auskunft zu geben.
Das freilich hatte der Literaturkritiker bereits 1999 auf 550 Seiten getan, als er völlig überraschend seine Autobiografie unter dem Titel "Mein Leben" veröffentlichte. Es wurde ein Bestseller, in 17 Sprachen übersetzt, über 1,2 Millionen mal verkauft und verfilmt in der Hauptrolle mit Matthias Schweighöfer. Angeregt zu diesem Buch hatte ihn sein Freund Hellmuth Karasek, als beide sich über den Film "Schindlers Liste" unterhielten und Reich-Ranicki von seiner Verschleppung, seinem Ghetto-Leben und seiner dramatischen Flucht erzählte. Auch in Berlin war Karasek an der Seite des Freundes, als er tags zuvor die Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki hielt, den die "Berliner Zeitung" für sein Lebenswerk ehrte.
Die Kraft zu einer eigenen Rede reichte Reich-Ranicki gestern wohl nicht mehr, und so las er einige Seiten aus seinem großen Buch: als er den Befehl, Juden für den Abtransport bereitzustellen, als Übersetzer im Judenrat mitschreiben musste, als er erfuhr, dass er zunächst verschont bleiben und dass Ehefrauen das gleiche Recht zukommen sollte. Und so schickte er sofort nach seiner Teofila, heiratete sie am gleichen Tag und rettete damit das Leben eines geliebten Menschen. Für seine Eltern gelang ihm das nicht mehr.
Keinen Tag gebe es in seinem Leben, an dem er nicht ans Ghetto denken müsse, hat er in einem früheren Interview gesagt. Es wäre auch darum spannend geworden, ihn noch einmal im Gespräch mit Jugendlichen zu hören, wie es im Anschluss an die Gedenkstunde geplant war. Dazu reichte seine Kraft aber nicht mehr; kurzfristig musste er diese Begegnung absagen.
Wie seine Haltung gegen Ende seines langen und wechselvollen Lebens aussieht, wurde gestern indes auf andere Weise deutlich. Denn eigentlich endet das Buchkapitel, aus dem er las, mit seiner Erinnerung inmitten all des Elends "an die großen deutschen Klassiker". Marcel Reich-Ranicki aber wählte für seine Rede in Berlin einen anderen, düsteren Schluss, indem er an die sogenannte Aussiedlung der Juden aus dem Ghetto erinnerte: "Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod."
Alljährlich am 27. Januar wird weltweit der Holocaust-Opfer gedacht. Am 27. Januar 1945 hatte die sowjetische Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreit.
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