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"Radikalreformen bringen nichts"

zuletzt aktualisiert: 21.07.2010 - 02:30

Interview Die neue nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) über die Auswirkungen des Hamburger Voksentscheids auf NRW, ihre Erwartungen an die Gymnasien, die Zukunft der Hauptschule und die Pläne zur Einführung von Gemeinschaftsschulen

Frau Löhrmann, in einem Volksentscheid in Hamburg ist der Plan des Senats gescheitert, eine sechsjährige Primarschule einzurichten. Welche Lehren ziehen Sie daraus für NRW?

Löhrmann Das Ergebnis zeigt, wie wichtig es ist, Reformen im Schulsystem mit den Beteiligten vorzubereiten, und dass es besser ist, in kleinen Schritten vorzugehen.

CDU und FDP drohen schon mit einem Volksaufstand gegen Ihre Pläne. Fürchten Sie einen Volksentscheid?

Löhrmann Nein, denn unsere Reform ist ganz anders angelegt – wir setzen auf regionalen Konsens. Wir weiten lediglich Entscheidungsmöglichkeiten aus, ohne Zwang. Es wird keinen Reformschritt auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule geben, der zentral verordnet wird.

Aber damit verlagern Sie den Schulkrieg doch nur in die Kommunen.

Löhrmann Wir wollen keinen Schulkrieg. Und vor Ort wird es ihn auch nicht geben. Dort wird pragmatisch entschieden. Wenn wir nicht handeln, müssen viele Schulen schließen. Das wollen wir nicht.

Ein Volksentscheid gegen die Gemeinschaftsschule wäre nur möglich, wenn es ein entsprechendes Gesetz gäbe.

Löhrmann Wenn wir die Gemeinschaftsschule als Regelschule etablieren wollen, ist ein Gesetz dazu nötig. Nach der Sommerpause entscheiden wir, welche Bestandteile der Schulreform wir in Gesetzesform gießen – etwa auch das Vermeiden des Sitzenbleibens und das Verbot des Abschulens (das ist der Wechsel zu einer niedrigeren Schulform, Anm. d. Red.).

Falls es dagegen einen Volksentscheid geben sollte – was tut dann Rot-Grün?

Löhrmann Wenn Bürger sich melden, ist man immer gut beraten, sich damit auseinanderzusetzen.

Fürchten Sie in der Schulpolitik eine Blockade der Linken?

Löhrmann Dafür habe ich keine Anhaltspunkte. Die Linkspartei müsste das Hamburger Ergebnis dahingehend auswerten: Radikalreformen sind nicht zielführend.

Müssten Sie nicht deutlich sagen: Ich will keine Schulform abschaffen?

Löhrmann Weder ich noch diese Koalition will Schulformen abschaffen. Ich habe auch keine Feindbilder. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Eltern bei der Hauptschule mit den Füßen abstimmen. Insofern geht es um Weiterentwicklung.

Geben Sie der Schulform Gymnasium also eine Bestandsgarantie?

Löhrmann Entscheidend ist, dass wir vor Ort attraktive Schulen haben, die mehr Kinder zu guten Abschlüssen führen. Die Eltern wollen eine Schule, die auch ohne Nachhilfe den Bildungserfolg sichert. Da haben die Gymnasien Nachholbedarf.

Jetzt haben Sie Gelegenheit, einmal das Gymnasium zu loben.

Löhrmann Gerne! Das Gymnasium ist wichtig, um akademisch ausgerichtete Bildungsprozesse zu gewährleisten. Dabei leistet es gute Arbeit. Aber die Gymnasien dürfen sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Zu viele arbeiten noch mit dem Instrument des Sitzenbleibens und verlieren zu viele Kinder durch Abschulen an andere Schulformen. Jede Schule, auch das Gymnasium, muss die Verantwortung für jedes aufgenommene Kind übernehmen, damit dieses Kind dort erfolgreich zu einem Abschluss geführt wird.

Sie könnten doch einfach sagen: Wir lassen die Gymnasien, wie sie sind, und wer eine andere Schulform will, hat die Gemeinschaftsschule.

Löhrmann Wir haben den Auftrag, dafür zu sorgen, dass sich alle Schulformen dem Auftrag zur Weiterentwicklung stellen – auch Gymnasien.

Aber diesen Auftrag werden die Gymnasien als Angriff empfinden.

Löhrmann Wieso? Haben die Hauptschulen den Auftrag der Regierung Rüttgers als Angriff empfunden, sich weiterzuentwickeln?

Nein – aber die Hauptschule ist auch in der Verfassung garantiert.

Löhrmann Aber der Erfolg der Bemühungen war begrenzt. Die Eltern wählen die Hauptschule nicht mehr – trotz Hauptschuloffensive und guter Arbeit der Lehrer.

Wird sich das Hauptschulsterben also beschleunigen?

Löhrmann Davon gehe ich aus. Die kleinen Hauptschulen können kein differenziertes Angebot mehr aufrechterhalten.

Im Koalitionsvertrag ist die Rede von Oberstufenzentren und regionaler Bündelung. Werden die Schulwege in NRW demnächst länger?

Löhrmann Im Gegenteil: Mit den Gemeinschaftsschulen ermöglichen wir wohnortnahe, attraktive Schulen in Gemeinden, wo es bisher kein gymnasiales Angebot gibt. Wir wollen mehr gymnasiale Bildung, nicht weniger.

Wo und wann wird es die ersten Gemeinschaftsschulen geben?

Löhrmann Ich gehe davon aus, dass das im Münsterland sein wird. Ich möchte zum Ende der Sommerpause erste Entscheidungen treffen.

Statt der Kopfnoten soll es eine neue Form der Rückmeldung geben. Heißt das, die Noten fallen weg, aber der Aufwand der Bewertung bleibt?

Löhrmann Die Lehrer beziehen ihre Einschätzung zum Arbeits- und Sozialverhalten doch ohnehin in die Leistungsbewertung ein. Es muss eine vernünftige Rückmeldekultur geben – zum Beispiel mit textlichen Erläuterungen.

Die Gemeinschaftsschule ist Ihre bevorzugte Schulform. Welche konkreten Vorteile wird sie genießen?

Löhrmann Es gibt im heutigen Schulrecht schon unterschiedliche Klassengrößen je nach Schulform – die Hauptschulklassen zum Beispiel sind kleiner als Klassen an Gymnasien. Weil es an den Gemeinschaftsschulen eine heterogenere Schülerschaft geben wird, ist es angemessen, dies bei Klassengrößen und dem Differenzierungsbedarf zu berücksichtigen.

Ihr Plan ist es, dass bis 2015 knapp ein Drittel der Schulen in NRW Gemeinschaftsschulen werden.

Löhrmann Wir haben uns bewusst ein ehrgeiziges Ziel gesetzt.

Wenn das nicht geschieht – treten Sie dann 2015 zurück?

Löhrmann (lacht) Ich freue mich, dass Sie davon ausgehen, dass diese Regierung so lange im Amt ist.

Frank Vollmer und Gerhard Voogt führten das Gespräch.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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