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Berlin: Präsident der kleinen Affären

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 14.12.2011 - 02:30

Berlin (RP). Wieder einmal ist Bundespräsident Christian Wulff wegen einer Beziehung zu dem Unternehmer Egon Geerkens in der Kritik. Im niedersächsischen Landtag verschwieg Wulff als Ministerpräsident einen Privatkredit. "Ein ganz sauberes Geschäft", findet Geerkens. Weggefährten berichten vom notorisch "klammen" Wulff.

Die Erklärung aus dem Bundespräsidialamt kam schnell. Während Bundespräsident Christian Wulff gestern früh zum Abschluss seiner sechstägigen Golf-Reise im Emirat Kuwait eintraf, ließ sein Amt in Berlin einen brisanten Artikel der "Bild"-Zeitung zurückweisen. Das Boulevardblatt hatte berichtet, dass Wulff im Februar 2010 noch während seiner Zeit als Ministerpräsident den niedersächsischen Landtag über eine Geschäftsbeziehung zu einem Unternehmer getäuscht habe. Die Grünen-Abgeordneten Stefan Wenzel und Ursula Helmhold hatten den damaligen CDU-Regierungschef schriftlich gefragt, ob er oder die CDU Niedersachsen eine Geschäftsbeziehung zu dem niedersächsischen Unternehmer Egon Geerkens oder einem von Geerkens' Unternehmen habe. Wulff verneinte dies. Tatsächlich hatte Wulff aber im Oktober 2008 einen Privatkredit von Geerkens' Ehefrau in Höhe von 500 000 Euro für den Kauf seines Einfamilienhauses angenommen. Darauf ging Wulff in seiner Antwort aber nicht ein.

Wulff habe die Anfragen im Landtag korrekt beantwortet, teilte gestern das Bundespräsidialamt in einer Erklärung mit. "Die Anfrage bezog sich auf geschäftliche Beziehungen zu Herrn Egon Geerkens oder zu einer Firma, an der Herr Geerkens beteiligt war. Solche geschäftlichen Beziehungen bestanden und bestehen nicht." Der Privatkredit sei mit Edith Geerkens vereinbart worden, der Ehefrau des Unternehmers. "Dementsprechend wurde die unmissverständliche Anfrage wahrheitsgemäß verneint." Außerdem verweist das Präsidialamt darauf, dass durch den Darlehensvertrag der Kauf des Privathauses der Eheleute Christian und Bettina Wulff zu einem Zinssatz von vier Prozent finanziert wurde. "Die fälligen Zinsen wurden fristgerecht gezahlt. Im Frühjahr 2010 ist dieses Privatdarlehen durch eine Bankfinanzierung mit niedrigerem Zinssatz abgelöst worden."

So weit, so harmlos? Oder ist das eine neue Staatsaffäre? Zunächst einmal darf auch ein Politiker einen Privatkredit in Anspruch nehmen. Der Darlehensvertrag zwischen Geerkens und dem Ehepaar Wulff wurde am 1. Oktober 2008 geschlossen. Den Großteil des Geldes soll das Ehepaar Wulff für den Kauf eines schmucken Einfamilienhauses mit 658 Quadratmeter Grundstück in Großburgwedel bei Hannover verwendet haben. 415 000 Euro kostete das Haus, 500 000 Euro bekam Wulff von Geerkens. Pünktlich überwies der CDU-Politiker einmal im Monat 1666 Euro für Zinsen, erklärte Geerkens gestern. Es sei ein "ganz normales Geschäft gewesen". Wulff habe nach der Scheidung von seiner ersten Frau Geld für einen Neuanfang gebraucht. "Und jeder weiß: Scheidungen sind teuer", so Geerkens zu "Spiegel Online". Noch bevor Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde, löste er den Privatvertrag durch einen Bankenvertrag ab.

Streng juristisch lässt sich dem CDU-Politiker nichts vorwerfen. Die Anfrage der Grünen bezog sich explizit auf Egon Geerkens, nicht auf seine Frau. Ein politisches Geschmäckle bleibt dennoch. "Haarspalterische Auslegungen" werfen die Grünen dem Staatsoberhaupt vor. Schließlich habe Wulff gewusst, dass die Anfrage den gesamten Beziehungen zu den Geerkens gegolten habe.

Fraglich ist auch, warum Wulff den Privatkredit mit Geerkens' Frau verschwieg, wenn er doch angeblich im marktüblichen Rahmen verzinst wurde und später abgelöst wurde. Vielleicht, weil der Vertrag gar nicht so marktüblich war. Im Herbst 2008 war die Bankenkrise auf einem Höhepunkt, die Zinsen für Hypothekenkredite lagen durchaus oberhalb von vier Prozent. Vielleicht auch, weil es damals keinen Vertrag gab, sondern eine Abmachung unter Freunden?

Es ist zudem nicht das erste Mal, dass die Verbindung zu Geerkens Wulff Ärger einbringt. Den Weihnachtsurlaub 2009 verbrachten Wulff und seine Frau Bettina in der Florida-Villa des Osnabrücker Unternehmers. Auf dem Flug dorthin hatte sich das Ehepaar von Air Berlin kostenlos in die Business-Klasse hochstufen lassen. Dies verstieß gegen das Ministergesetz. Wulff erstattete den Differenzbetrag später und entschuldigte sich. Den Unternehmer Geerkens bezeichnete Wulff damals gegenüber "Bild" als "väterlichen Freund", der auch mit seinen Eltern befreundet sei und Trauzeuge bei Wulffs erster Hochzeit 1988 gewesen war.

Der heute 67-jährige Unternehmer ist eine illustre Persönlichkeit: Egon Geerkens, genannt "Bubi", stammt wie Wulff aus Osnabrück, ist gelernter Elektriker und handelte zunächst mit Schrott, bevor er größer in den Metallhandel einstieg und bis 2007 auch ein Juweliergeschäft in Osnabrück besaß. Auch in Berliner Immobilien investierte der Selfmade-Millionär. Seit 2003 wohnt Geerkens in der Schweiz, im steuergünstigen Kanton Zug.

Die Nähe zum großen Geld hat Wulff öfter in die Negativ-Schlagzeilen gebracht. Den Sommer-Urlaub 2010, kurz nach seiner Amtseinführung, verbrachte er mit seiner Frau Bettina und dem zweijährigen Sohn Linus in der noblen Residenz des niedersächsischen Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer auf Mallorca. Der AWD-Gründer besitzt dort eine Villa mit Pool und eigenem Bootsanleger. Der Urlaub sei privat bezahlt worden, rechtfertigte das Präsidialamt. Später nannte Wulff den Urlaub allerdings einen "Fehler".

Auch als Ministerpräsident in Hannover waren die Beziehungen Wulffs zu Wirtschaftsführern selten unumstritten. Zu seinen engsten "Freunden" gehörten neben Rechtsanwalt Götz von Fromberg, dem einstigen Büropartner und Freund von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), auch RWE-Chef Jürgen Großmann, Tui-Vorstandschef Michael Frenzel und Carsten Maschmeyer. Das nötige Kleingeld für die Welt der Reichen hatte Wulff als Ministerpräsident (Jahresverdienst rund 160 000 Euro) aber nicht. "Er war immer klamm", sagt ein früherer Weggefährte Wulffs aus Niedersachsen. Die Scheidung von Wulffs erster Frau Christiane und der Unterhalt für die gemeinsame Tochter Annalena (17) seien eben teuer, heißt es in Hannover. Und Wulffs zweite Frau, die heutige First Lady Bettina, habe durchaus einen "anspruchsvollen Lebensstil", berichtet ein CDU-Mann aus Niedersachsen. Es war die moderne, ehrgeizige Bettina Wulff, die aus dem "piefigen Provinzfürsten Christian Wulff einen Großstadtpolitiker" gemacht habe, bemerkte die "Süddeutsche Zeitung" einst. Dass sich Bettina Wulff in der Welt glanzvoller Empfänge und der großen Prominenz wohlfühlt, daraus machte sie keinen Hehl.

Der frühere Berater von CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, Michael Spreng, nannte die Verflechtungen Wulffs mit der niedersächsischen Wirtschaftselite "Erbfreundschaften". Christian Wulff habe das System von seinem Vor-Vor-Vorgänger Gerhard Schröder geerbt. Auch Schröder hatte seine Affäre in Hannover, als er sich vom niedersächsischen Autobauer VW im firmeneigenen Business-Jet durch die Gegend fliegen ließ.

In der Koalition sorgte die Affäre für Unruhe. Im Kanzleramt gab man offenbar die Devise aus, das Thema niedrigzuhängen. So kratzten vor allem SPD- und Grünen-Politiker am Image des Präsidenten. Einen Rücktritt forderten aber auch sie nicht. Solange in den nächsten Tagen keine neuen Enthüllungen über Wulffs Beziehung zu dem befreundeten Unternehmer bekannt werden und er nicht der Lüge überführt wird, wird Wulff wohl bleiben, wo er ist: im Schloss Bellevue.

Quelle: RP


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