Pisa – Hilfe für Eltern
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 21.11.2008Pisa wirft immer wieder die Frage auf, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können. Die Antwort ist einfach und schwierig zugleich: Es kommt auf Kleinigkeiten an.
Düsseldorf Wahrscheinlich müsste man einmal ganz Walhalla für eine Versammlung buchen, in der sich Eltern und Lehrer gegenseitig erzählen, was sie alles zu tun versucht haben. Aus Gerechtigkeitsgründen müssten beide ihre Geschichten erzählen (Geschichten, die das Leben schrieb und nicht erfunden sind):
Lehrer würden von schlecht erzogenen Schülern berichten, die sich schlecht konzentrieren können, die wenig lesen, die Hausaufgaben nicht machen oder von Katastrophen zu Hause (Scheidung) aus der Bahn geworfen werden. Oder von Eltern, die erst Förderung einklagen und dann das Fehlen von Hausaufgaben damit entschuldigen, dass ihr Susannchen zum Reitturnier und ihr Fritzchen zum Hockeyturnier mussten (Namen erfunden).
Eltern wiederum würden von Grundschullehrern berichten, die „fakultative“ Rechen-Hausaufgaben aufgeben – Motto: Kannst du machen oder auch nicht. Und Eltern könnten erzählen, wie anstrengend es ist, wenn sie dann sagen: Nix Fußball, erst rechnen!
Ferner könnten Eltern von Deutschlehrern berichten, die fast nie Hausaufgaben aufgeben, weil sie – so die Begründung – ja doch nicht alle nachschauen könnten. Und wie es dann zwecklos ist, diese Lehrer darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, über Hausaufgaben Eindrücke vom täglichen Geschehen im Unterricht zu bekommen und auch mal mit dem Kind ein Wort über Inhalte reden zu können.
Eltern könnten auch berichten, wie sie Arbeitsblätter in Englisch hassen gelernt haben, weil der Zögling immer in vier Minuten mit den Aufgaben fertig ist, da es nur drei englische Wörter einzusetzen gilt. Zugleich aber kämpft der Schüler in Klassenarbeiten mit Flüchtigkeitsfehlern – weil er kaum Schreibpraxis hat wegen der verfluchten Arbeitsblätter, die in Wahrheit Arbeitsverhinderungsblätter sind.
So müssten sich Eltern und Lehrer viel erzählen in Walhalla und am Ende versöhnen, denn eigentlich haben beide dasselbe Ziel: Schüler zu bilden. Der vielleicht schönste Satz zur Versöhnung stammt von dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi: „Es kommt im Leben auf Kleinigkeiten an.“ Er ist deshalb so schön, weil man ihn beiden ins Poesiealbum schreiben kann: Lehrern und Eltern. Pestalozzis Kleinigkeiten sind Kleinigkeiten, weil sie einfach zu beherzigen sind; es sind aber auch schwierige Kleinigkeiten, weil man sie zehn bis 13 Jahre lang Tag für Tag beherzigen muss. Hausaufgaben zum Beispiel. Studien zeigen, dass heute in der Schule zu wenig geübt wird. Die Forscher der Desi-Studie über die Englischkenntnisse von Neuntklässlern kamen ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass die Lernerfolge dort signifikant besser waren, wo Lehrer Hausaufgaben sinnvoll in den Unterricht einbauten. Indirekt heißt das: Es ist nicht selbstverständlich, dass Lehrer Hausaufgaben sinnvoll in ihren Unterricht einbauen. Das ist ein skandalöser Verstoß gegen das Handwerk des Lehrens und so, als würden Schreiner Stühle mit drei Beinen bauen. So ergibt sich Kleinigkeit Nummer eins für Lehrer, Eltern und Schüler: Hausaufgaben sind sorgsam aufzugeben, sorgsam zu machen und sorgsam im Unterricht zu thematisieren.
Andere Kleinigkeiten im Alltag benennt der Bonner Didaktiker Volker Ladenthin. Kleinigkeit Nummer zwei – die Wiederholen-Regel: Ohne Auswendiglernen geht es nicht. Nummer drei: Der Tag sollte zeitlich eingeteilt sein. Es ist lernpsychologisch falsch, heute zwölf Stunden zu lernen und morgen gar nicht. Sinnvoll ist es, jeden Tag eine ähnlichen Rhythmus aus Lernen und Pause einzuhalten. Hausaufgaben sollten über die Woche verteilt sein. Kleinigkeit Nummer vier: Ordnung. Der Arbeitstisch ist aufgeräumt, Hefte, Bücher und Stifte liegen parat. Unordnung auf dem Tisch ist bei Schülern Unordnung im Kopf.
Keine Kleinigkeit ist dies: Wenn ein Schüler einbricht bei den Leistungen, heißt der Königsweg für Eltern, die etwas tun wollen, nach wie vor Nachhilfe. Eine wirkliche Kultur des Förderns von schwachen oder begabten Schülern gibt es an den Schulen noch kaum – auch wenn es im Schulgesetz steht.
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