Pakistan: Deutsche Helfer entsetzt
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 14.08.2010 - 02:30Die Lage im Nordwesten Pakistans wird immer verzweifelter. Die Cholera ist ausgebrochen, Darmerkrankungen weiten sich aus. Deutsche Hilfsorganisationen verstärken ihre Anstrengungen, um Zehntausende Flutopfer zu versorgen.
Peshawar "Die Feuchtigkeit ist überall. Man kann nichts mehr trocknen. Unsere Patienten haben zunehmend Pilz- und Hauterkrankungen", sagt Simon Gelzenleuchter, einer der Einsatzhelfer der Ärzte-Organisation Humedica (Kaufbeuren). Die Situation der Flutopfer in Pakistan sei katastrophal, berichteten deutsche Helfer gestern übereinstimmend unserer Zeitung.
"Es regnet immer noch", teilte Humedica-Koordinatorin Ruth Bücker mit. "Man kann sich das kaum vorstellen: Dieses Hochwasser ist ein starker Wasserstrom, der alles aus den Häusern reißt."
Bisher sind nach offiziellen Angaben 14 Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen, mindestens 1600 Menschen starben. Tausende von Dörfern wurden zerstört.
Die Autobahn von Peshawar nach Islamabad sei zur gigantischen Notunterkunft geworden. "Der Anblick ist unglaublich: Links, rechts und auf dem Mittelstreifen der sechsspurigen Straße lagern über acht Kilometer Strecke unzählige Menschen. Alles, was sie noch aus ihren Häusern herausholen konnten, muss jetzt als Schutz herhalten – von Zeltplanen bis zu Tischdecken", berichtete der Tübinger Arzt Bernd Domres, einer der führenden deutschen Katastrophenmediziner. Er war zuletzt im Erdbebengebiet von Haiti im Einsatz. "Manche Menschen konnten immerhin noch ihre Rinder retten, die jetzt an den Straßenrändern grasen", sagte Domres weiter.
Humedica hat in einer Liste Hunderte Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter erfasst, die sich ehrenamtlich bereiterklärt haben, bei Katastrophen kurzfristig weltweit zu helfen. Auch diesmal ist die Hilfsbereitschaft groß: Ein drittes Freiwilligen-Team ist bereits auf dem Weg nach Pakistan.
Von der höher gelegenen Großstadt Peshawar fahren die deutschen Helfer jeden Morgen in die überschwemmten Gebiete. Dort verteilen sie unter anderem Medikamente gegen Durchfall, Fieber und Infektionen sowie Salben gegen Pilzerkrankungen. "Es fehlt auch an sauberem Trinkwasser", sagte Gelzenleuchter. "Die Kinder trifft es besonders hart."
Das bestätigte Waqar Haider von der pakistanischen Organisation "Aid for Refugees and Orphans" (Hilfe für Flüchtlinge und Waisen), dem örtlichen Partner von Humedica: "Viele Kinder können die Gefahren nicht einschätzen. Sie schwimmen und spielen in dem verseuchten Wasser. Und sie trinken es in ihrer Not sogar."
Insgesamt warten bei feucht-heißen Temperaturen um die 40 Grad rund 18 000 Menschen in der Region auf Hilfe, in der Humedica und die Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin zurzeit tätig sind. Die deutsche Behandlungsstation in einer Schule sei inzwischen so bekannt, dass sie täglich von Hunderten Menschen aufgesucht werde.
Von islamistischen Gruppen bedroht fühlen sich die deutschen Helfer in Pakistan nicht, arbeiten aber vorsichtshalber nur bei Tageslicht und kehren am Abend in ihre Basis nach Peshawar zurück. Die Regierung habe ihnen außerdem bewaffnete Wächter zur Seite gestellt, informierte Gelzenleuchter.
Malteser International meldete gestern den Ausbruch der Cholera: Zusätzlich zu einem bestätigten Fall bestehe bei sechs weiteren Patienten im Krankenhaus von Mingora im Swat-Distrikt der Verdacht auf Cholera. Die Mediziner-Teams von Malteser International unterstützen die Gesundheitsbehörden in Mingora nun dabei, den Ausbruch einer Epidemie zu verhindern.
Mit Blick auf die Seuchengefahr hat auch die Kinderhilfsorganisation World Vision (Friedrichsdorf/Taunus) die medizinische Versorgung verstärkt. Im Gebiet Lower Dir errichtete das christliche Hilfswerk eine erste Klinik, weitere sollen folgen. Zwei Ärzte, ein Apotheker und eine Krankenschwester kümmern sich um die Flutopfer.
"Die Menschen, die zu uns kommen, sind völlig ausgemergelt und hungrig. Sie sind tagelang durch Regen und Schlamm gegangen, um sich in Sicherheit zu bringen", so der einheimische Arzt Sheraz Iqbal, der für World Vision arbeitet. "Wir behandeln auch immer mehr Kinder mit Hautkrankheiten und Augenentzündungen."
Die Kindernothilfe Duisburg hat ihre finanzielle Soforthilfe für die Flutopfer von 65 000 auf 200 000 Euro aufgestockt. "Es ist zu befürchten, dass die Flut in Pakistan mehr Schaden anrichtet als das Beben in Haiti", betonte Jürgen Thiesbonenkamp, der Vorstandsvorsitzende des Hilfswerks. "Daher gehen wir für die Menschen in Pakistan an das Limit unseres Nothilfe-Fonds."
Die Duisburger Einrichtung erreiche über ihre lokale Partnerorganisation zurzeit 20 000 Menschen mit Trinkwasser, Nahrungs- und Hygieneartikeln sowie Zelten. "Das sind bislang noch sehr kleine Inseln der Hoffnung", sagte Thiesbonenkamp. Sein Ziel: Mindestens 70 000 Flutopfer müssen mit dem Nötigsten versorgt werden.
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