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Washington: Obama beschwört das Wir-Gefühl der USA

VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 22.01.2013

Washington (RP). Bei der Einführung in seine zweite Amtszeit gibt sich der Präsident kämpferisch. Bei der Eidesformel erlaubt er sich wieder einen Patzer.

Vielleicht ist es der Moment, in dem Barack Obama die Bühne verlässt, der am meisten aussagt über den Tag. Als der Präsident die schmale Treppe hinaufsteigen soll, von der Balustrade zur prachtvollen Rotunde des Kapitols in Washington, da dreht er sich um und verharrt für ein paar Sekunden: Er schaut auf die beeindruckende Menschenmenge vorm Parlament. Wenn nicht alles täuscht, liegt Wehmut in seinem Blick. Noch einmal wird er da oben nicht stehen. Es ist seine zweite Amtseinführung und damit die letzte – fast schon ein vorgezogener Abschied.

Natürlich, unten auf der National Mall ist ein bisschen mehr Platz als damals, als vor vier Jahren die Nation ihren ersten Präsidenten mit dunkler Haut feierte. Es sind nicht knapp zwei Millionen wie im Wendejanuar 2009, vielleicht knapp halb so viele, wer weiß das schon so genau. "Hillary 2016" steht auf einem Poster zwischen all den Obama-Mützen und Obama-Schals. Es ist die Aufforderung an Hillary Clinton, ihren Hut in den Ring des nächsten Präsidentschaftsduells zu werfen.

Beim Amtseid, dem zweiten nach der eher privaten Zeremonie am Sonntag im Weißen Haus, verhaspelt Barack Obama sich bei der Eidesformel – wie schon vor vier Jahren. Ausgerechnet beim Wort "Vereinigte Staaten" kommt der Präsident ins Straucheln und verschluckt das Ende des Wortes. Anschließend hält Obama eine Rede, in der er die Rolle des Gemeinwesens betont.

"Wir, das Volk", sagt er ein ums andere Mal, mit den Worten aus der Präambel der amerikanischen Verfassung, und schlägt den großen historischen Bogen. Die Patrioten des Unabhängigkeitsjahres 1776 hätten nicht gekämpft, um die Tyrannei des britischen Königs durch Privilegien für einige wenige oder die Herrschaft des Mobs zu ersetzen. "Wir verstehen, dass unser Land nicht erfolgreich sein kann, wenn es einer schrumpfenden Minderheit sehr gut geht und eine wachsende Mehrheit kaum über die Runden kommt." Eine moderne Wirtschaft, sagt Obama, brauche Eisenbahnen und Highways, Schulen und Universitäten, Mathelehrer und Forschungslabors. Im Grunde wiederholt er sein Wahlkampfmotiv, setzt dem Extrem-Individualismus à la Tea Party die Philosophie eines aktiven, investierenden Staates entgegen. Wie er das Rekorddefizit abbauen will, sagt er nicht. Doch gegen den grotesken Sozialismus-Vorwurf der Tea Party wehrt er sich: "Weder haben wir unsere Skepsis gegenüber zentralen Autoritäten aufgegeben, noch sind wir der Fiktion erlegen, dass alle Übel der Gesellschaft allein durch die Regierung geheilt werden können."

Obama wählt für seinen 18 Minuten langen Vortrag leise Töne. Als er an seinen Entwürfen feilte, lud er Historiker ein, um mit ihnen über Dwight Eisenhower zu reden, über "Ike", den Staatschef der ruhigen, monotonen 50er Jahre. Über den Ex-General spotteten Kommentatoren, er sei der Langweiler, der die Langweiligen führe. Schon der Republikaner Eisenhower hat einen Krieg beendet, den in Korea, um drei Jahre darauf ein gewaltiges Infrastrukturprojekt in Angriff zu nehmen, den Bau der Autobahnen. Der Demokrat Obama hat seine Truppen aus dem Irak abgezogen, der Rückzug aus Afghanistan wird spätestens 2014 folgen, und von der überfälligen Modernisierung der zerbröselnden Infrastruktur redet er, seit er ins Oval Office einzog.

Seine vorsichtige Außenpolitik – die Aufgaben daheim klar in den Vordergrund stellend – skizziert er in einem auffallend knappen Absatz: Amerika werde "der Anker starker Allianzen in jeder Ecke des Planeten sein", lautet der Schlüsselsatz. Sprich: keine Alleingänge. Konkreter umreißt er das Projekt einer Einwanderungsreform, neben strengeren Waffengesetzen der nächste Kraftakt seiner Administration. Energischer, als es die Skeptiker unter Amerikas Umweltbewegten befürchtet hatten, spricht er vom Klimawandel. Nicht darauf zu reagieren bedeute, "unsere Kinder und künftige Generationen" zu betrügen. Die Deutlichkeit dieser Worte, vielleicht ist sie die einzige Überraschung an diesem Tag.

Quelle: RP
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