Stockholm: Norwegen: Vorwürfe gegen Polizei
VON ANDRÉ ANWAR - zuletzt aktualisiert: 18.08.2011 - 02:30Stockholm (RP). Hat die norwegische Polizei noch mehr Chancen vergeben, das Morden von Anders Behring Breivik auf der Insel Utoya am 22. Juli zu stoppen? Breivik hatte dort 69 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Ferienlagers erschossen und zuvor in Oslo mit einem Bombenanschlag acht Menschen getötet.
Gestern zitierten norwegische Medien anonyme Polizeibeamte. Sie berichten, dass die erste Polizeieinheit nach ihrem Eintreffen eine halbe Stunde lang nichts unternahm – obwohl zahlreiche Schüsse von der Insel zu hören waren und Hunderte von Menschen durch den kalten See um ihr Leben schwammen. Privatboote für ein Übersetzen hätten zur Verfügung gestanden, heißt es.
Der Rundfunksender NRK berichtet, die Beamten seien mit Maschinengewehren, Pistolen und schusssicheren Westen ausgerüstet gewesen. Statt auf Utoya einzugreifen, hätten sie auf Verstärkung aus dem 40 Kilometer entfernten Oslo gewartet. Nach der zum Teil bestätigten Darstellung des Einsatzverlaufs wurde die regionale Polizei um 17.27 Uhr von der Schießerei auf Utoya informiert. Binnen 20 Minuten hätten die Beamten das Blutbad beenden können, schlussfolgert der Sender. Doch erst als die Verstärkung aus Oslo eingetroffen und ein gebrauchstüchtiges Boot gefunden war, landeten die Polizisten um 18.25 Uhr auf der Insel. Auf diese Weise erhielt Breivik insgesamt mehr als eine Stunde Zeit zu morden.
Dabei hatte der Täter selbst genug von seinem Verbrechen. Nachdem Breivik mit 50 erschossenen Jugendlichen sein "Minimalziel" erreicht hatte, rief er selbst um 17.59 Uhr die Notrufzentrale an. Breivik forderte die Polizei auf, ihn festzunehmen, er werde keinen Widerstand leisten. Der Anruf ging offenbar in dem Chaos nach dem Doppelanschlag unter.
Während die nationale Polizeiführung schwieg, bestätigte die regionale Polizei die Untätigkeit der zuerst am Tatort eingetroffenen Einheit. Die Beamten seien davon ausgegangen, dass sich auf der Insel bis zu sieben schwerbewaffnete Terroristen befänden. Dabei hatten zu jenem Zeitpunkt bereits mehrere Jugendliche, die ans Ufer geschwommen waren, von einem einzigen Schützen in Polizeiuniform berichtetet.
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