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Müde, pensionsberechtigt

VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 19.07.2010 - 02:30

Am Tag des spektakulären Volksentscheides über die große Schulreform erklärt Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) seinen Rückzug aus der Politik.

Hamburg In Hamburg, so heißt es, fahren erfolgreiche Männer Mercedes und wählen CDU, während ihre Gattinnen ins Cabrio steigen und die Grünen bevorzugen. Beide aber fanden seit 2001 Gefallen an "Ole". Der Vorname von Hamburgs Erstem Bürgermeister avancierte an der Alster zur politischen Koseform. Nun ist Ole von Beust mit seinen 55 Jahren pensionsberechtigt, was seinen Entschluss, aufzuhören, beflügelt haben dürfte. Der gut erhaltene Herr, der schon länger augenscheinlich keine Lust mehr hatte zum Regieren, ist ein Aussteiger aus der aktiven Politik und Einsteiger in die Genießerwelt von Sylt und Segeln, jene hamburgische Spielart des sonst mit "Toskana-Fraktion" umschriebenen Wohllebens in kulturgesättigter Umgebung.

Von Beust hat als liberaler Christdemokrat 2008 das bundesweit erste Länder-Regierungsbündnis zwischen Union und Grünen (Grün-Alternative Liste, GAL) geschmiedet. Von Beust passte von Habitus und Denkweise zum Regierungsmodell Schwarz-Grün. Der Erste Bürgermeister hielt Schwarz-Grün als Verbindung von wirtschaftlichem Denken und ökologischem Bewusstsein für zeitgeistgemäß. Für von Beust spiegelt Schwarz-Grün das Lebensgefühl in den Großstädten.

Beim Bürgermeister habe sie nur der dunkelblaue Blazer an CDU erinnert. So sagte es einmal Christa Goetsch, die Grünen-Schulsenatorin der Stadt. Der 55-jährige Rechtsanwalt (Schwerpunkt Arbeitsrecht), der einst die Schüler-Union in Hamburg führte, mit 23 Jahren jüngster Abgeordneter in der Bürgerschaft war und eine blitzsaubere CDU-Landeskarriere gemacht hat, wuchs seit Amtsantritt vor neun Jahren immer mehr in die Rolle eines vornehmen Stadt-Präsidenten – den Parteien fern, dem Volke nah und allein dem Gemeinwohl in seiner Interpretation verpflichtet. Auf die Frage, ob er mit der schwarz-grünen Schulpolitik nicht Konservative in seiner eigenen Partei verprelle, antwortete von Beust mit einem Hauch Arroganz: "Ich füttere doch nicht die Wähler, sondern trete für meine Überzeugungen ein."

Der Erste Bürgermeister und Senatspräsident, der sich jüngst erlaubte, seiner Berliner Parteichefin Angela Merkel mehr Führungsstärke zu empfehlen, profitierte von einem hohen Ansehen in dem hoch verschuldeten Stadtstaat. "Ole-Alster-Michel" – dieser auf ein CDU-Wahlplakat gebannte Reklame-Dreiklang hatte lange gefruchtet. Von Beust und Hamburg – das hörte sich nach glücklicher Verheiratung des Junggesellen mit seiner ruhmreichen Vaterstadt an.

Bei der Wahl 2004 hatte von Beusts CDU die absolute Mehrheit erreicht. Ein Jahr zuvor erlebte Hamburg die andere, die harte Seite des charmanten Freiherrn vom Typ Sonntagskind: Damals setzte von Beust seinen anrüchig gewordenen Innensenator Ronald Schill an die Luft: "Verlasse mein Büro, ich will dich nicht mehr sehen." Der dreiste Amtsrichter a.D. Schill, dessen rechtspopulistische, längst aufgelöste Partei 2001 mit CDU und FDP den Senat gebildet hatte, wollte von Beust mit öffentlichen Erzählungen über dessen Homosexualität politisch nötigen.

Vor wenigen Monaten erst hatte von Beust ahnungsvoll gesagt: "Bei jedem Spitzenpolitiker kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem seine Popularität nachlässt." Das war zur Hälfte seiner dritten Amtszeit. Der helle Schein des schwarz-grünen Beisammenseins verdunkelte sich: durch den Verlust der Umfrage-Mehrheit, Finanznot, Rücktritte, etwa des Finanzsenators, aufflammende Gewaltexzesse in Problemvierteln, unpopuläre Erhöhungen der Beiträge für Kindertagesstätten, eine eklatante Falschkalkulation des Rennomier-Objektes Elbphilharmonie – schließlich durch die gegen den Willen großer Teile des bürgerlichen Milieus forcierten Primarschul-Pläne. Von Beust hatte zum Schluss nicht nur keine Lust mehr zum Regieren, sondern er war auch ein wenig angeekelt von einigen seiner einstigen Wähler. Ihnen unterstellte er fast schon beleidigend einen Hang zur Klassengesellschaft: hier auf der Sonnenseite die Gymnasial-Sprösslinge, dort die Schatten-Kinder aus den Hartz-IV-Haushalten.

Internet:  Porträt von Ole von Beust unter www.rp-online.de/politik

Quelle: Rheinische Post

 
 
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