Monarchie tief getroffen
VON ANJA INGENRIETH - zuletzt aktualisiert: 02.05.2009 - 02:30Brüssel. Kaum etwas symbolisiert die Tragik der Bluttat am niederländischen Nationalfeiertag stärker als das Denkmal, an dem die Amokfahrt von Apeldoorn endete. Der Obelisk war 1901 zu Ehren von Königin Wilhelmina aufgestellt worden – als Zeichen der Verbundenheit zwischen Volk und Oranier- Dynastie. Doch genau die droht nun durch die Wahnsinnstat ins Wanken zu geraten.
Eine Königsfamilie zum Anfassen, das war seit jeher der Stolz des Polderlands. Damit ist es wohl vorbei. Mitglieder der Königsfamilie werden künftig kaum mehr arglos die Amsterdamer Grachten entlangradeln oder im noblen De Bijenkorf einkaufen gehen. "In Apeldoorn ist eine nationale Illusion zerstört worden", schreibt die Zeitung "de Volkskrant". Reaktionen im Internet zeigen, wie tief das Drama die Niederländer trifft. "Das war ein Anschlag auf unseren Lebensstil, unsere Toleranz und unseren Liberalität", schreibt ein junger Mann auf der Seite des "Telegraaf".
Es war nicht der erste Anschlag: Am 2. November 2004 erschoss der islamische Fundamentalist Mohammed Bouyeri den provokanten Regisseur Theo van Gogh auf offener Straße in Amsterdam. Van Gogh hatte einen kritischen Film über die Unterdrückung der Frau im Islam produziert. Als Reaktion kam es zu Übergriffen auf Moscheen und Muslime. Die Stimmung radikalisierte sich, von einem Scheitern der Integrationspolitik war die Rede.
Der Täter (26) rammte van Gogh ein Messer mit einer Todesliste in die Brust. Darauf stand auch Rechtspopulist Geert Wilders. Der Politiker aus Venlo geht seitdem im Nachbarland mit Kampagnen gegen den Islam immer erfolgreicher auf Stimmenfang und sorgte zuletzt mit seinem Anti-Koran-Film "Fitna" für Aufregung. Seine "Partei für die Freiheit" avancierte in Umfragen vor ein paar Wochen erstmals zur stärksten Kraft. Der Mann mit der wasserstoffblonden Mähne sieht sich mit seinen radikalen Thesen als politischer Nachfolger von Rechtsaußen Pim Fortuyn. Der bezeichnete den Islam als "rückständige Kultur" und mischte das tolerante Land 2002 mit tabulosen Debatten um Migrations-Stopps auf. Kurz vor der Parlamentswahl wurde Fortuyn von einem militanten Tierschützer ermordet. Dieser sagte im Prozess aus, er habe Muslime schützen wollen. Nach einem Erdrutsch-Sieg kam die Partei des toten Fortuyn mit in die Regierung, zerfiel aber später. Zurück blieb eine gespaltene Gesellschaft.
Bei Amokfahrer Karst T. fanden die Ermittler zwar keine Hinweise auf einen terroristischen oder islamistischen Hintergrund. Die Fälle scheinen also nicht vergleichbar. Doch es geht auch hier um das Selbstverständnis der traditionell auf Offenheit angewiesenen Handelsnation. Die meisten Niederländer möchten liberal und tolerant bleiben. Sie befürworten Sterbehilfe, freien Cannabis-Konsum und eine multikulturelle Gesellschaft. Doch sie wollen sich auch sicher fühlen. Am Königinnentag hat sich für viele wieder gezeigt, dass beides immer weniger zusammengeht.
Internet Weitere Berichte aus Apeldoorn unter www.rp-online.de/panorama
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