Missbrauchskommission in Belgien tritt zurück
VON ANJA INGENRIETH - zuletzt aktualisiert: 29.06.2010 - 02:30Die Szene hätte aus einem Hollywood-Thriller stammen können: Belgische Missbrauchs-Ermittler stürmten vergangene Woche in die Vollversammlung der Bischöfe im Palast des Erzbistums Brüssel-Mechelen. Sie hielten die Geistlichen neun Stunden fest, verhörten sie, beschlagnahmten Handys, Computer und vertrauliche Unterlagen. Schließlich bohrten die Beamten sogar die Sarkophage von zwei Kardinälen in der Krypta der Sint-Rombouts-Kathedrale auf, um darin mit Kameras nach belastendem Material über Kindesmissbrauchsfälle zu suchen.
Die Razzia führt jetzt zu einer bespiellosen Konfrontation zwischen der katholischen Kirche und den belgischen Behörden. Der Vatikan betrachtet das Vorgehen als "sehr schwerwiegend". Erzbischof Dominique Mamberti bestellte den belgischen Botschafter Charles Ghislain ein. Gerechtigkeit müsse hergestellt werden – aber im Respekt vor der Kirche, mahnte Papst Benedikt XVI. in einer Solidaritätserklärung an die Bischöfe Belgiens. Die denken nun über eine Klage nach. Zudem trat gestern die von der Kirche eingesetzte Kommission zur Untersuchung von Kindesmissbrauch durch Kirchenmitarbeiter zurück. Die Begründung: Das Vertrauen zwischen Kirche und Justiz sei zerstört. Denn die Ermittler beschlagnahmten fast 500 vertrauliche Opfer-Akten. Viele der Betroffenen hatten sich der unabhängigen Kommission um den renommierten Kinderpsychiater Peter Adriaenssens nur unter der Bedingung strikter Vertraulichkeit offenbart.
Nun liegen ihre Akten als mögliches Beweismaterial bei der Staatsanwaltschaft. Die begründet ihr Vorgehen damit, dass es Hinweise auf Unterschlagung von Beweismaterial durch die Kirche gegeben habe. Erst vor einem Monat war der Bischof von Brügge, Roger Vangheluwe (74), zurückgetreten. Er hatte eingeräumt, vor 25 Jahren einen Jungen missbraucht zu haben. Seither sind Hunderte Anzeigen in Belgien eingegangen.
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