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"Lieber solider Handwerker als leichtfüßiger Visionär"

VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 02.06.2010 - 02:30

Wer soll Horst Köhler folgen? Drei Politikwissenschaftler und Historiker haben gegenüber unserer Zeitung zu den Kandidaten Stellung genommen.

Der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann sagte: "Jetzt muss ein guter, erfahrener, berechenbarer, seriöser Politiker oder eine ebensolche Politikerin gefunden werden." Mit den Außenseitern, mögen sie Philosophen sein oder Ökonomen wie Horst Köhler, habe man keine guten Erfahrungen gemacht. Der Rücktritt des politischen Außenseiters Köhler zeige auch, dass die viel gescholtene politische Klasse ihre Vorzüge habe, wenn es auf Berechenbarkeit und Erfahrung ankomme. Von Alemann fügte hinzu, ihm seien solide Handwerker der Politik lieber als leichtfüßige Visionäre. Neben Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundestagspräsident Norbert Lammert nannte er NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als geeigneten Kandidaten. Rüttgers habe sein Amt präsidial im Stile seines Vorgängers Johannes Rau geführt, der schließlich auch Bundespräsident geworden sei.

Der Direktor der Akademie für Politische Bildung im bayerischen Tutzing, Heinrich Oberreuter, ließ Sympathien für Lammert, Schäuble und den früheren DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck erkennen. Schäuble sei jedoch in der gegenwärtigen Krise als Finanzminister beinahe unersetzlich. Zudem sei er vor der ersten Köhler-Wahl 2004 als Präsidentschafts-Kandidat von Angela Merkel und Guido Westerwelle ausgebootet worden. Ob er sich als hoch angesehener Notnagel noch einmal zur Verfügung stellen würde, sei fraglich. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sei rhetorisch kein Ass und als Ministerin womöglich nützlicher denn als Präsidentin. Lammert erfülle die Anforderungen allemal. Er sei gebildet, könne frei reden, werde über Parteigrenzen hinweg respektiert.

Laut Oberreuter, der sich über die Nennung von Ex-Bischöfin Margot Käßmann lustig machte ("lächerlich, wie die Lena-Manie bei Facebook"), gehören neben politischer Erfahrung auch Rationalität und Aufgeschlossenheit gegenüber aktuellen Strömungen in der Gesellschaft sowie der Finanz- und Wirtschaftspolitik zum Präsidenten-Anforderungsprofil.

Der Münchner Historiker Michael Wolffsohn sagte, er halte viel von Ursula von der Leyen; sie sei jedoch noch zu tagespolitisch engagiert: "Ein Bundespräsident muss auch ein bisschen auf dem Olymp stehen und vom Alter her die Fähigkeiten zum Kontemplativen, Reflektierenden besitzen." Schäuble hätte nach Meinung Wolffsohns das höchste Staatsamt in jeder Hinsicht verdient. Er sei ein Politiker von intellektueller und politischer Kraft, angesehen im In- und Ausland. Auch wäre es gut, einen erkennbar behinderten Menschen wie Schäuble in diese hohe Position zu bringen.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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