: Letzte Helferin von Anne Frank tot

VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 13.01.2010 - 02:30

Miep Gies versteckte Anne Frank und ihre Familie zwei Jahre lang vor den Nazis. Als die Häscher das jüdische Mädchen schließlich doch ins KZ verschleppten, rettete sie Annes später weltberühmt gewordenes Tagebuch. Jetzt starb die mutige Frau im Alter von 100 Jahren in Amsterdam.

"Ich war keine Heldin." Das hat Miep Gies immer wieder gesagt, wenn Menschen sie bewunderten. Dafür, dass sie während des Krieges unter Lebensgefahr untergetauchte Juden versteckte. Und darunter vor allem jenes Mädchen, das später durch sein ergreifendes Tagebuch weltberühmt wurde: Anne Frank. Gies war Anne Franks letzte noch lebende Helferin. Jetzt starb sie hochbetagt, kurz vor ihrem 101. Geburtstag.

Ohne Gies hätte die Welt wohl nie vom Leben der Anne Frank hinter ängstlich zugezogenen Vorhängen in einem Amsterdamer Hinterhaus erfahren. In einem Tagebuch notierte das Mädchen seinen Alltag in dem Versteck, bis es die Nazi-Schergen im August 1944 entdeckten. Acht Juden und zwei Helfer wurden verhaftet und ins Konzentrationslager verschleppt. Anne Frank kam dort um und ihre ganze Familie mit ihr. Nur ihr Vater überlebte – und ihr Tagebuch. Miep Gies hat die vielen, eng beschriebenen Seiten vor der Gestapo gerettet und damit zugleich das Vermächtnis der Anne Frank.

"Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, was damals geschah", sagte Gies noch kurz vor ihrem Tod. Geboren wurde sie 1909 in Wien als Hermine Santrouschitz. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs war sie als unterernährtes Kind zum Aufpäppeln nach Holland geschickt worden, wo sie bald adoptiert wurde. Ihre Pflegefamilie gab ihr den Spitznamen "Miep".

Im Frühjahr 1942 arbeitet sie als Sekretärin in der Gewürzhandelsfirma von Anne Franks Vater in Amsterdam. Otto Frank weiht sie in seinen Plan ein, gemeinsam mit seiner Frau, seinen beiden Töchtern und einigen befreundeten Juden im Hinterhaus unterzutauchen. "Bist Du bereit, uns zu helfen?" Gies zögert keine Sekunde. "Natürlich."

Fast zwei Jahre lang gehört sie zu den mutigen Helfern, die die Juden in ihrem beengten Versteck versorgen, ist ihre einzige Verbindung zur Welt nach draußen. Jeden Tag muss Miep Gies irgendwo etwas zu Essen auftreiben – heimlich natürlich, denn die Einkäufe dürfen die verborgenen Esser nicht verraten. Am 11. Juli 1943 schreibt Anne in ihr Tagebuch: "Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendein Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit."

Als am 4. August 1944 alle im Hinterhaus Versteckten und zwei ihrer Helfer verhaftet werden, bleibt Miep Gies verschont. Der befehlshabende SS-Mann ist ein Österreicher, erkennt ihren Wiener Akzent und lässt sie laufen. So kann sie Stunden später noch einmal in das Versteck hinter der beweglichen Bücherwand zurückkehren. Annes Notizen sind auf dem Boden verstreut. Miep Gies sammelt ihr kariertes Tagebuch auf, dazu die vielen losen Blätter, und versteckt sie.

Gelesen hat sie die Aufzeichnungen damals noch nicht. Sie übergab die Aufzeichnungen Annes Vater, sobald der als einziger Überlebender der Familie Frank aus dem KZ zurückkehrte. Als das Tagebuch dann 1947 das erste Mal veröffentlicht wurde, mochte Miep Gies immer noch nicht hineinschauen. "Ich wollte die alten Wunden nicht wieder aufreißen." Als sie es dann schließlich doch tat, war sie erleichtert. "Nach dem letzten Wort spürte ich nicht den Schmerz, den ich erwartet hatte", erinnerte sie sich. "So vieles war verloren. Aber Annes Stimme würde nie mehr verloren gehen."

Für das, was sie getan hat, wurde Miep Gies vielfach geehrt. Aber danach gedrängt hat sie sich nie. Ihr war die Aufmerksamkeit sogar unangenehm. Nur einmal, als in den 90er Jahren Spekulationen über die vermeintliche Fälschung des Original-Tagebuchs und ein hässlicher Streit über einige Retuschen, die Otto Frank zum Schutz seiner ermordeten Frau vorgenommen hatte, für Wirbel sorgten, gab sie ihre Zurückhaltung auf. "Die Geschichte des Tagebuchs ist wahr", hielt sie den Kritikern empört entgegen.

Quelle: Rheinische Post


 
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