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"Krieg ist Scheitern"

zuletzt aktualisiert: 13.01.2010 - 02:30

Interview Der rheinische Präses Nikolaus Schneider über die Äußerungen von EKD-Ratspräsidentin Margot Käßmann zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan, über christlichen Pazifismus, Kompromisse und Schuld

Bad Neuenahr Die Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat einen Tag nach ihrem Gespräch mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in mehreren Interviews ihre Aussagen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr bekräftigt. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt ihr Stellvertreter, der rheinische Präses Nikolaus Schneider, das Verhältnis von Kirche und Krieg.

Margot Käßmann hat gesagt, was in Afghanistan geschehe, sei "in keiner Weise zu rechtfertigen". Stürzt das nicht jeden protestantischen Soldaten in Afghanistan in Gewissensnot?

Schneider Margot Käßmann hat sehr zugespitzt formuliert. Sie meinte die aktuellen Umstände, die den möglichen Rechtfertigungen von Gewalt die Grundlage entziehen.

Ist Käßmanns Reise nach Afghanistan mehr als reine Symbolpolitik?

Schneider Sie will ihre Verbundenheit mit den Soldaten ausdrücken – ein guter Pastor besucht seine Leute. Margot Käßmann hat keinen Nachholbedarf in Begegnungen mit der Realität.

Wie sollen wir das nennen, was in Afghanistan passiert?

Schneider Das sind Kampfhandlungen wie sonst im Krieg. Das unmittelbare Erleben für die Soldaten, zu schießen und beschossen zu werden, ist kriegerisches Handeln.

Sie haben bei der Synode gesagt, der Einsatz von Gewalt sei nicht grundsätzlich abzulehnen. Was vom Krieg in Afghanistan ist zu rechtfertigen?

Schneider Die Friedensdenkschrift der EKD sagt: Krieg soll um Gottes Willen nicht sein, denn gerechtfertigt ist allein Friedenshandeln. Aber es gibt eine Ultima Ratio, denn es gibt organisierte Bosheit in der Welt, gegen die man mit Gewalt vorgehen muss, um dem Recht wieder zur Herrschaft zu verhelfen.

Genau das passiert aber doch.

Schneider Deshalb habe ich deutlich gemacht, dass in Afghanistan zumindest abgewogen werden muss, ob militärische Gewalt zum Aufbau einer Zivilgesellschaft nicht doch nötig sein kann.

Gegenüber der Synode haben Sie hoffnungsfrohen Realismus gefordert und auf die Friedensdenkschrift der EKD verwiesen. Darin steht unter anderem, militärische Gewalt sei nur unter der Ägide der Vereinten Nationen vertretbar. Dort aber blockieren Staaten wie China und Russland alles, was ihren Machtinteressen widerspricht. Ist die Position der EKD realistisch?

Schneider Ich sehe keine Alternative, denn dem Missbrauch wird Tür und Tor geöffnet, wenn wir auf solche Legitimation keinen Wert legen. Ein Staat, der Krieg führt, wird immer sagen, dass er dem Frieden dient. Diesem Missbrauch müssen wir so viele Schranken setzen, wie es eben geht.

Im Neuen Testament sind die Worte Jesu überliefert: Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin. Das ist radikal. Dagegen ist alles, was die Kirchen heute predigen, lauer Kompromiss.

Schneider Unsere Grundeinstellung ist Pazifismus. Krieg ist Scheitern. Sobald wir vom radikalen Zeugnis Jesu abweichen, werden wir alle schuldig. Aber wir werden auch schuldig, wenn wir nichts tun und es unterlassen zu handeln – was wir auch tun: Wir kommen aus diesem Dilemma nicht heraus. Das ist das, was die Griechen Tragik nennen.

Wer wird da schuldig? Die Politik, die Soldaten, die Kirche?

Schneider Auch wir als Kirche. Ich will gar nicht moralisieren und auf die anderen zeigen. Die Basis im Glauben ist sehr schmal, von der aus wir etwas Vernünftiges zum Thema Krieg sagen können.

Kann ein Christ überhaupt mit seinem Gewissen vereinbaren, Soldat zu sein? Oder umgekehrt: Kann ein Soldat guter Christ sein?

Schneider Das werden wir als Kirche den Menschen nicht vorschreiben können, weil es eine Frage an das Gewissen des Einzelnen ist. Dass ein Soldat ein ernsthaftes Leben als Christ führen kann, ist nicht zu bestreiten. Er wird aber immer rechtfertigen müssen, warum seine Ausbildung darauf zielt, andere Menschen zu töten.

Der deutsche Oberst Georg Klein hat einen Luftangriff befohlen, der mehr als 140 Menschen tötete, auch viele Zivilisten. Trägt er Schuld?

Schneider Er hat Schuld auf sich nehmen müssen, keine Frage. Das ist aber nicht nur ein Problem von Oberst Klein – die Verantwortung geht zurück bis auf den Bundestag, der ihn nach Kundus geschickt hat.

Wenn Sie den deutschen Soldaten in Afghanistan ein Bibelwort zurufen sollten – welches wäre das?

Schneider Jesaja, Kapitel 17: Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

Frank Vollmer führte das Gespräch.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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