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Kaczynski, der Zweite

VON DORIS HEIMANN - zuletzt aktualisiert: 27.04.2010 - 02:30

Jaroslaw Kaczynski will das Erbe seines verstorbenen Zwillingsbruders Lech antreten: Der Chef der Partei "Recht und Gerechtigkeit" wird bei der Präsidentenwahl in Polen kandidieren.

Moskau Lange, sehr lange ließ Jaroslaw Kaczynski (60) seine Anhänger warten. Gerade zwei Stunden blieben noch bis zum Auslaufen der Frist für die Anmeldung der Präsidentschaftskandidaten, als sich der Bruder des tragisch verunglückten polnischen Staatschefs gestern endlich zu Wort meldete: Ja, er werde sich um das höchste Staatsamt bewerben, sagte Kaczynski. Das sei er den Verstorbenen und dem Vaterland schuldig: "Obwohl wir in Schmerz und Trauer gebeugt sind, gefesselt durch die ewige Erinnerung an den Verlust, sind wir doch verpflichtet, ihr Testament zu vollstrecken", sagte Kaczynski. Er habe bei dieser Entscheidung die volle Unterstützung seiner Familie.

Dieser Zusatz ist wichtig. Denn mit Jaroslaws Kandidatur wird die polnische Präsidentenwahl auch zur Schicksalswahl für eine Familie – ähnlich wie bei den Bushs und den Kennedys. Jaroslaws um 45 Minuten jüngerer Zwillingsbruder Lech Kaczynski, Polens Präsident seit 2005, war am 10. April bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk ums Leben gekommen. In der Unglücksmaschine saßen auch die Präsidentengattin Maria Kaczynski sowie viele Vertreter der polnischen Politik. Insgesamt starben 97 Menschen, in Polen herrschte eine Woche Staatstrauer.

Nun soll Jaroslaw dem Land neue Hoffnung geben, zumindest aber dem konservativen Lager. Kaum war das Bild von dem von Trauer gebeugten Mann am Sarg seines Bruders um die Welt gegangen, da begann schon der Druck auf Jaroslaw: Politiker seiner Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und konservative Medien drängten ihn, sich um die Nachfolge zu bewerben. Dass er so lange mit der Bekanntgabe seiner Entscheidung zögerte, ist typisch für das politische Gespür von Jaroslaw Kaczynski. Der Politologe Mikolaj Czesnik sagte einmal, Jaroslaw habe einen ausgeprägten Sinn für Massenpsychologie: "Er hat gelernt, mit den Gefühlen der Menschen zu spielen, manchmal mit den niedrigsten."

Äußerlich waren die beiden Kaczynskis kaum zu unterscheiden. Politisch traten sie immer im Doppelpack auf – schon zu "Solidarnosc"-Zeiten als Mitstreiter von Lech Walesa.

Aber Jaroslaw polarisierte stets mehr als sein Bruder Lech. Er gilt als scharfzüngig und aufbrausend, wenig zugänglich für Argumente. Machtkalkül ist für ihn alles. Als die Kaczynski-Partei PiS im September 2005 die Parlamentswahl gewann, verzichtete Spitzenkandidat Jaroslaw überraschend auf den Posten des Regierungschefs, um die Wahlchancen seines Bruders bei der Präsidentenwahl nicht zu gefährden. "Auftrag ausgeführt", meldete Lech Kaczynski seinem Bruder, als die Wähler ihn zum Präsidenten gekürt hatten. Ein Jahr später wurde Jaroslaw dann doch Premier – für kurze Zeit waren die Kaczynski-Brüder die mächtigsten Männer Polens.

Die deutsche "Tageszeitung" verspottete die beiden in einer Satire als "neue polnische Kartoffeln" und löste damit erhebliche diplomatische Verstimmungen zwischen Berlin und Warschau aus. Auch innenpolitisch sorgte Jaroslaw Kaczynski für Wirbel. Seine Koalition mit dem Linkspopulisten Andrzej Lepper und der rechtsnationalen Liga polnischer Familien zerbrach nach einem guten Jahr unter Dauerstreit und unzähligen Affären.

Ein weiteres Manko ist sein kauziges Privatleben: Anders als der Familienvater Lech lebt Jaroslaw Kaczynski in einer Wohnung mit seiner alten Mutter Jadwiga Kaczynska, seine engste Bezugsfigur ist eine Katze. Der Politiker hat keinen Führerschein und ließ sich bis vor kurzem noch das Gehalt auf das Konto seiner Mutter überweisen. Ihm fehlt der Habitus des Landesvaters. Doch dafür kann Jaroslaw Kaczynski nun den Mythos seines Bruders vor sich hertragen – sein größtes Kapital für den Wahlkampf.

Quelle: Rheinische Post
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