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Juden in Europa

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 07.08.2009 - 02:30

Die Zahl der Juden in Deutschland sinkt. Daran hat auch der Zuzug von Juden aus Osteuropa nichts geändert. Die Gemeinden sind überaltert, und die Zahl der Mischehen steigt.

Köln/Düsseldorf Wer Interesse wecken will, provoziert. Wer Veränderung wünscht, schockiert. Ein Vortrag über die aktuelle Situation der Juden und ihre Entwicklung in Deutschland lautet dann so: "Hat Hitler doch gesiegt?" Die Frage, die der unverdächtige Direktor des Moses-Mendelsohn-Instituts in Potsdam, Professor Julius Schoeps, jüngst stellte, ist zwar rhetorisch. Im Kern aber lauert ein Fünkchen Wahrheit: Denn auch den Spätfolgen der Shoa wird zugerechnet, dass die Zahl der europäischen Juden rapide abnimmt. So könnte mehr als 60 Jahre nach dem Völkermord der Nazis den Worten des britischen Historikers Bernard Wasserstein zufolge in absehbarer Zeit die Selbstauflösung der Reste des europäischen Judentums stehen.

Aber kann das sein? War nicht vielfach von "jüdischer Renaissance" die Rede, und schien dies nicht auch ein hoffnungsvolles Zeichen für die gelungene Aufarbeitung deutscher Verbrechen zu sein? Oder war es eine möglicherweise nur suggestive Hoffnung, dass es mit dem vor drei Jahren abgeschlossenen Zuzug von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion neue und kräftige Impulse geben könne?

Unterschwellig wuchs die befreiende Aussicht auf ein deutsches Judentum mit herausragenden Köpfen in Wissenschaft und Kultur. Dazu gab und gibt es regelmäßig die schönen Bilder neuer Betsäle und Synagogen landauf, landab – unter anderem in Bamberg und Bochum, in Gelsenkirchen, Göttingen und Krefeld; darunter imposante Beispiele einer modernen Sakralbaukunst mit den neuen großen Synagogen zuletzt in Dresden und München.

Noch sprechen die Zahlen gegen den prognostizierten Abwärtstrend. Denn mit den Juden aus dem Osten stieg die Zahl der Gemeindemitglieder hierzulande von 28 000 vor der deutschen Wiedervereinigung auf derzeit knapp 107 000. Die Zahl ist trügerisch, weil sie eine Vitalität und Dynamik vermittelt, die allein auf der Zuwanderung, nicht aber aus sich heraus begründet ist. Und sie verdeckt eine Entwicklung, die bereits mächtig in Gang gesetzt ist: mit der dramatischen Überalterung der jüdischen Gemeinden in Deutschland und einer extrem hohen Zahl an Mischehen.

Nach den Erhebungen des führenden israelischen Demografen Sergio Della Pergola sind unter den organisierten Juden lediglich sechs Prozent Kinder; dagegen haben über 40 Prozent bereits das Rentenalter erreicht. Und bei den Mischehen hält die Bundesrepublik einen Weltrekord: Fast 80 Prozent der heiratenden Juden in Deutschland schließen die Ehe mit einem nichtjüdischen Partner. Die Mehrheit der Kinder aus diesen Partnerschaften aber wird nicht mehr im jüdischen Glauben erzogen; sie geht den Gemeinden also verloren. Schleichend sei das ein Abschied vom Judentum, sagt Wilfried Johnen, Vorsitzender des jüdischen Landesverbandes Nordrhein. Zudem sei viel Wissen um die eigene Religion im Osten verlorengegangen, so Johnen. Möglicherweise, so lauten die Prognosen, wird 2080 dort das Judentum verschwunden sein.

Und in Deutschland? Nach Julius Schoeps könnte es von derzeit 104 jüdischen Gemeinden in knapp 30 Jahren zwei Drittel nicht mehr geben. Jede Gemeinde mit weniger als derzeit 4000 Mitgliedern wird auf längere Sicht ohne Überlebenschance sein, so der Wissenschaftler, sollten die gesellschaftlichen Entwicklungen in gleicher Weise fortschreiten.

Das Problem ist bekannt, die Möglichkeit, entgegen zu steuern, aber begrenzt. Um die Mitgliederzahlen in den jüdischen Gemeinden auch in den nächsten Jahren konstant zu halten, so Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, setzt man auf ein umfassendes Bildungs- und Freizeitangebot. Damit hofft man, dass "die Mitgliederzahlen trotz der demografischen Entwicklung auch in den nächsten Jahren zumindest konstant bleiben werden", sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die ungünstige demografische Entwicklung ist im Grunde ein Ausweis günstiger, das heißt liberaler Lebensbedingungen. So sind die Mischehen der Beleg einer fortschreitenden Assimilation sowie einer schwindenden jüdischen Identifikation im Umfeld eines gesellschaftlichen Pluralismus, der sozio-kulturelle Abgrenzung kaum notwendig erscheinen lässt. Denn das Problem sinkender Zahlen lässt sich auch in Frankreich und England ablesen. Der Segen offener Gesellschaften kann für die Zukunft des Kollektivs zum Fluch werden.

"Es sieht nicht gut aus für Europas Juden", hieß es unlängst in der "Jüdischen Allgemeinen". Vor diesem Hintergrund – aber aus anderer Motivlage – werden die berühmten Worte des Rabbiners Leo Baeck zur finsteren Deutung. Der hatte wenige Monate nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt gesagt: "Unser Glaube war es, dass deutscher Geist und jüdischer Geist auf deutschen Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden können. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei."

Quelle: Rheinische Post

 
 
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