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Joachim Gauck – der Präsident der Herzen

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 01.07.2010 - 02:30

Christian Wulff ist Ministerpräsident, er hat das Verfahren für sich entschieden. Aber Joachim Gauck geht als heimlicher Sieger aus dieser denkwürdigen Bundesversammlung hervor. 499-490-494 Stimmen – das zeigt, wie stark die Versuchung bis tief in die bürgerlichen Parteien war, den spätstartenden Seiteneinsteiger als Nichtpolitiker an die Spitze des politischen Systems zu stellen.

Eine aus dem Stand zur Massenbewegung gewordene "Wählt-Gauck"-Stimmung hatten Sozialdemokraten und Grüne nicht erwartet, als sie als Reaktion auf die Nominierung Christian Wulffs durch die CDU und die folgsamen Partner aus CSU und FDP einen suchten, der einer angeschlagenen Merkel-Seehofer-Westerwelle-Regierung den größtmöglichen Schaden zufügen könnte. Natürlich war er für die SPD nicht erste Wahl. Die hatte an Matthias Platzeck als Zählkandidaten gegen Wulff gedacht. Doch das Interesse der SPD, nach dem Erfolg in NRW das nächste gemeinsame rot-grüne Projekt auf die Erfolgsschiene zu bringen, war größer als das Liebäugeln mit eigenen Genossen.

Gauck war eine Erfindung der Grünen, die damit zugleich zeigten, wie tief verwurzelt sie im bürgerlichen Lager sind. Denn sehr bald bestätigte sich, wie sehr der Kandidat von Rot-Grün mit Rot-Grün fremdelte. Seine wahre Heimat sind die christlich-liberalen Freundeskreise. In diesem Feld fühlt er sich wohl.

"Ich trete als der auf, der ich bin", ist einer von Gaucks Kernsätzen aus den zurückliegenden vier Wochen. Damit überwand er letztlich den seiner Kandidatur innewohnenden zentralen Widerspruch. Er war von Rot-Grün mit dem Kalkül ins Rennen geschickt worden, Wulff als dem vermeintlichen Kandidaten des Parteienstaates einen Kandidaten des freien Bürgertums entgegenzustellen – also ein Anti-Machtapparat-Bewerber zu sein. Zugleich geschah dies jedoch durch Rot-Grün eindeutig mit dem Anspruch, auf dem Weg zurück an die Macht ein großes Stück voranzukommen. Ein von Rot-Grün durchgesetzter Präsident wäre zugleich Ausdruck verlorener schwarz-gelber Gestaltungskraft gewesen. Also ein ganz normal mit Macht-Ambitionen verknüpfter Präsident, nur eben nicht für Schwarz-Gelb, sondern für Rot-Grün.

Doch Gauck blieb Gauck. Als er seine wegweisende, weit ins bürgerliche Lager restlos überzeugende Rede im Deutschen Theater ablieferte, gefror das Lächeln der rot-grünen Protagonisten an vielen Stellen zu Eis. Gaucks Grundüberzeugungen stehen eben über den typischen Orientierungsmustern der Parteien und konträr auch zu rot-grünem Verständigungskern. Gauck scherte sich zu keiner Zeit um die Erwartungshaltungen derer, die ihn als "ihren" Kandidaten ins Rennen brachten. Er vertraute nur auf sich selbst. Um die Schwierigkeiten von Merkel beim Durchbringen von Wulff richtig zu gewichten, muss klar festgehalten werden: Ein rot-grüner Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck hätte es unter dem umgekehrten Vorzeichen einer rot-grünen Bundesregierung einem SPD-Kanzler Sigmar Gabriel nahezu unmöglich gemacht, mit derartigen Positionierungen im ersten und zweiten Wahlgang eine Mehrheit in den eigenen Reihen zusammenzubekommen.

Gauck hat in den wenigen Wochen eines weitgehend fair geführten Wahlkampfes die Wirkung des Wortes demonstriert. Mit einfachen Sätzen hat er die Zustimmung zum politischen System gestärkt. "Auch Deutsche können Revolution", lautete eine seiner Kern-Botschaften, die er klar begründete: "Ich bin mir sicher, dass unser deutsches ,Yes, we can' das sächsische ,Wir sind das Volk' war."

Das Wort ist das wichtigste Wirkmittel des Bundespräsidenten. Das Talent Horst Köhlers war auf diesem Gebiet eher von überschaubaren Ausmaßen. Insofern hat Gauck die Messlatte für Wulff höher gehängt. Und er hat zugleich dafür gesorgt, dass er sich selbst bleibende Autorität für moralische Appelle erworben hat. Als Präsident der Herzen bleibt Gauck wichtig für Deutschland.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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