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Islam-Sekte stürzt Nigeria ins Chaos

zuletzt aktualisiert: 23.01.2012 - 02:30

Die radikalislamische Gruppe Boko Haram ("Westliche Bildung ist Gotteslästerung") hat im Norden des Landes mit mehreren zeitgleichen Anschlägen mindestens 180 Menschen getötet. Die Fanatiker, die Verbindungen zu al Qaida haben sollen, kämpfen für einen islamischen Gottesstaat.

Abuja (RP) Sie griffen am helllichten Tag an. Die Ziele waren die bestbewachten Gebäude der Millionenstadt Kano im Norden Nigerias. Bewaffnete Kämpfer auf Motorrädern sicherten Fahrzeuge ab, in denen Selbstmordattentäter mit ihrer tödlichen Fracht auf Polizeistationen und staatliche Einrichtungen zurasten. Die Männer auf den Rücksitzen der Zweiräder schossen auf alles, was sich ihnen in den Weg stellte, berichteten nigerianische Medien. Autobomben explodierten gleichzeitig vor Behörden. Mindestens 180 Menschen starben.

Die Terrorangriffe der radikal-islamischen Sekte Boko Haram am Freitagnachmittag schüren die Angst vor einem Bürgerkrieg im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Denn ganz Nigeria scheint langsam aber sicher ins Chaos zu taumeln.

Auch gestern setzte sich die Gewaltwelle fort: Bei neuen Bombenanschlägen im Norden des Landes starben mindestens elf Menschen. Die Anschläge seien im Bundesstaat Bauchi verübt worden, berichtete das nigerianische Fernsehen. Ob hinter den gestrigen Gewaltakten ebenfalls Boko Haram steckt, war zunächst unklar.

Seit Jahren macht die islamistische Sekte mit Gewalttaten von sich reden. Boko Haram bedeutet auf Hausa, der im muslimischen Norden Nigerias überwiegend gesprochenen Sprache, so viel wie "Westliche Bildung ist Gotteslästerung". Der Name der radikalen Sekte ist Programm: Ihr erklärtes Ziel ist es, in dem Vielvölkerstaat Nigeria mit über 160 Millionen Einwohnern das islamische Recht, die Scharia, einzuführen. Allein im vergangenen Jahr gingen mehr als 500 Tote im Nordosten Nigerias und in der Hauptstadt Abuja auf das Konto der Sekte, unter anderem bei Anschlägen auf Christen an Weihnachten. Die US-Regierung geht davon aus, dass Mitglieder von Boko Haram mit Ablegern des Terrornetzwerks al Qaida in Verbindung stehen. In Kano gelang es ihr nun sogar, das wie eine Festung gesicherte Polizeihauptquartier anzugreifen – so wie sie auch schon im August 2011 gegen das UN-Hauptquartier in der Hauptstadt Abuja einen verheerenden Angriff ausgeführt hatte.

"Nigeria befindet sich in einer alarmierenden Situation" schrieb der Sicherheitsexperte Martin Ewi vom Politikinstitut ISS in Pretoria Anfang Januar nach einer Welle der Gewalt. Vergangene Woche musste Präsident Goodluck Jonathan nach einem einwöchigen Generalstreik und Protesten mit zahlreichen Toten seine Pläne zur Reform des von Misswirtschaft und Korruption gebeutelten Landes zumindest teilweise aufgeben. Er korrigierte seinen Sparkurs, der Gelder für Reformen freimachen sollte. Jonathan reagierte auf die Anschläge in Kano spät und eher hilflos: "Als verantwortliche Regierung werden wir nicht mit gefalteten Händen zusehen, wie die Feinde der Demokratie nie dagewesene Verbrechen in unserem Land verüben", versprach er.

Die Islamisten scheinen bereits tief in die staatlichen Strukturen Nigerias eingedrungen zu sein. Erst kürzlich gestand Jonathan, dass er Sympathisanten der Extremisten selbst in seinem eigenen Kabinett sowie unter Spitzenbeamten und Militärs vermute.

Bestürzt über die Anschläge der Islamisten zeigte sich Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. "Unser Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Familien. Wir denken an sie und beten für sie", sagte Schneider unserer Zeitung. Die nigerianische Regierung müsse jetzt energisch einschreiten, um die Christen im Land zu schützen. Schneider fügte hinzu: "Und wir bitten unsere muslimischen Freunde, auf die Verrückten von Boko Haram Einfluss zu nehmen, damit die Gewalt endlich aufhört."

Quelle: RP


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