Berlin: Integration macht kleine Fortschritte
zuletzt aktualisiert: 13.01.2012 - 02:30Berlin (RP). Die Eingliederung der rund 16 Millionen Bundesbürger ausländischer Herkunft geht weiter voran – aber nur schleppend und nicht in jeder Hinsicht zufriedenstellend. Diese durchwachsene Bilanz zieht der Integrationsbericht der Bundesregierung, der gestern in Berlin vorgestellt wurde.
Erfolge bei der Kinderbetreuung und in der Berufsausbildung, Ernüchterung beim gesellschaftlichen Engagement, zum Beispiel im Vereinsleben – Licht und Schatten vermittelt der gestern vorgelegte Bericht der Bundesregierung zur Eingliederung von Menschen mit ausländischen Wurzeln. In Deutschland leben 16 Millionen Zuwanderer und ihre Kinder.
Migranten tun sich zwar weiterhin schwerer auf dem Arbeitsmarkt und in der Schule als Einheimische. Aber: "Wir können von maßgeblichen Fortschritten im Bereich der Integration sprechen, die in den letzten Jahren erreicht worden sind", betonte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU). Die Entwicklung gehe in die richtige Richtung.
Böhmer räumte aber auch ein: "Noch immer sind die Unterschiede zwischen Migranten und Menschen ohne Migrationshintergrund zu groß." Ein Beispiel ist die Schulbildung: 2010 waren dem Bericht zufolge 4,4 Prozent der 18- bis 24-jährigen Migranten ohne Schulabschluss. Damit hat sich die Quote zwar seit 2005 um 5,1 Prozent verringert. Sie ist aber im Vergleich zur Quote von Schülern ohne ausländische Wurzeln (1,6 Prozent) immer noch mehr als doppelt so hoch.
Eine Erkenntnis der Wissenschaftler: Es ist nicht die ausländische Herkunft, die über die Entwicklung der Kinder entscheidet, sondern die soziale Stellung. Zudem sei von großer Bedeutung, ob in einer Familie Deutsch gesprochen werde.
Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es noch große Unterschiede: Unter den 15- bis 65-jährigen Zuwanderern waren 2010 fast zwölf Prozent erwerbslos – im Vergleich zu rund 18 Prozent 2005. Allerdings liegt die Quote bei den Menschen, die nicht zugewandert sind, mit 6,1 Prozent (2010) weiter deutlich niedriger. Als erwerbslos gilt, wer weniger als eine Stunde pro Woche arbeitet, aber eine Arbeit sucht. Böhmer erklärte, ein Problem sei, dass im Ausland erworbene Abschlüsse häufig nicht in Deutschland anerkannt würden.
Auch das Risiko, arm zu werden, ist bei Zugewanderten ungleich höher als bei Einheimischen. Aber hier gibt es ebenfalls eine leicht positive Entwicklung. Dennoch sehen die Wissenschaftler bei etwa jedem vierten (26,2 Prozent) Zugewanderten ein Risiko zu verarmen. Dagegen wird diese Quote bei den Einheimischen mit 11,7 Prozent angegeben. Als arm gilt, wer ein Nettoeinkommen hat, das weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens entspricht.
Erschreckend sind die Zahlen bei der Kriminalität: Der Anteil ausländischer Tatverdächtiger – also von Menschen, die einen ausländischen Pass besitzen – ist höher als der von Einheimischen. Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass die Aussagekraft dieser Zahlen beschränkt sei. Denkbar sei, dass die Bürger Taten mit ausländischen Verdächtigen häufiger anzeigten oder die Polizei bei solchen Fällen aufmerksamer wäre.
Die Vorsitzende des Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), geißelte den Integrationsbericht als "Armutszeugnis und Quittung" für die Verfehlungen föderaler Bildungspolitik. Burchardt kritisierte vor allem, dass die Schulabbrecherquote unter Migrantenkindern mit 4,4 Prozent immer noch mehr als doppelt so hoch liege wie bei den übrigen jungen Erwachsenen. Grünen-Parteichef Cem Özdemir schloss sich ihrer Kritik an und forderte eine Reform des Schulsystems: Bund, Länder und Kommunen müssten "endlich gemeinsam dafür sorgen, dass in sozial benachteiligten Stadtteilen die besten Schulen entstehen und sich dadurch auch die soziale Durchmischung verbessert".
Die migrationspolitische Sprecherin der Linkspartei, Sevim Dagdelen, unterstellte dem Bericht Schönfärberei: "Die angeblichen arbeitsmarktpolitischen Erfolge erweisen sich als Taschenspielertricks in der Arbeitslosenstatistik oder Vermittlung in prekäre Beschäftigung."
Die Koalitionsparteien wiesen die Kritik zurück und werteten die im Integrationsbericht genannten Zahlen vielmehr als Erfolg ihrer Regierungsarbeit. Schwarz-Gelb habe immerhin die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen und Abschlüssen deutlich erleichtert, sagte der Integrationsbeauftragte der Unionsfraktion, Michael Frieser.
In den Augen des integrationspolitischen Sprechers der FDP-Fraktion, Serkan Tören, zeigt der Bericht deutlich, "dass die Integration in Deutschland auf allen Ebenen weiter Fortschritte macht". Dies beweise die gesunkene Arbeitslosenquote unter Migranten.
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