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Indien leidet unter Frauen-Mangel

VON CHRISTINE MÖLLHOFF - zuletzt aktualisiert: 05.04.2011 - 02:30

Neu-Delhi Seit Jahren appelliert Indiens Regierung in Anzeigen: "Rettet die Mädchen". Doch gefruchtet hat die Kampagne wenig: Im Gandhi-Land ist der Anteil der Mädchen am Nachwuchs erneut alarmierend zurückgegangen – auf den niedrigsten Stand seit der Unabhängigkeit Indiens vor rund 63 Jahren. Das ergab der in Delhi vorgelegte Zensus 2011. Demnach kommen in der Altersgruppe bis sechs Jahre nur noch 914 Mädchen auf 1000 Jungen. Vor zehn Jahren waren es noch 927. "Der Trend hat sich verschlimmert", warnte die Zensus-Behörde.

Demnach ist Indien dabei, China in puncto Bevölkerung zu überrunden. Indien beheimatet 1,21 Milliarden Einwohner – das sind rund 17 Prozent oder 181 Millionen mehr als noch 2001. China kommt derzeit auf 1,34 Milliarden. US-Statistiker prognostizieren allerdings, dass Indien China bis 2025 überholt hat. Indien hat heute genauso viele Einwohner wie die USA, Indonesien, Brasilien, Pakistan, Bangladesch und Japan zusammen – das entspricht 17 Prozent der Weltbevölkerung.

Ähnlich wie in China könnte der wachsende Frauenmangel aber auch in Indien massive soziale Probleme schüren. Experten warnen, dass Generationen frustrierter Junggesellen heranwachsen, die soziologischen Studien gemäß oft weitaus aggressiver seien als verheiratete Männer. Dies könne die Kriegsgefahr erhöhen. Schon heute finden junge Männer aus besonders mädchenarmen Gegenden Indiens keine Bräute mehr. Oft kaufen sie Frauen aus armen Regionen ein, die sie nicht selten wie Sklavinnen behandeln oder bisweilen sogar mit anderen männlichen Verwandten teilen.

Frauen zählen in Indien wenig. Bis heute ist der Brauch der Mitgift, obwohl verboten, weit verbreitet. Dabei müssen die Eltern der Braut dem Bräutigam zur Hochzeit eine Mitgift zahlen, um den "minderen Wert" der Frau auszugleichen. Töchter gelten als finanzielle Bürde. Zumal sie nach der Hochzeit zur Familie des Mannes gehören. "Eine Tochter zu füttern, ist wie den Garten des Nachbarn zu wässern", lautet ein indisches Sprichwort.

Doch auch in relativ wohlhabenden Familien fehlen auffällig viele Töchter. So liegt etwa in Delhi der Mädchenanteil sogar noch dramatisch unter dem Landesschnitt. Die Wege, sich der Mädchen zu entledigen, sind vielfältig. Viele Eltern treiben Mädchen bereits gezielt vor der Geburt ab. "Female Foeticide" wird diese Praxis in Englisch unter Anlehnung an das Wort Genozid genannt. Zwar ist es in Indien den Ärzten bei Strafandrohung verboten, werdenden Eltern das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes zu verraten. Doch gegen ein Schmiergeld sind viele Doktoren bereit, verschlüsselte Andeutungen zu machen. Doch auch nach der Geburt sind Mädchen nicht sicher. Manche werden vergiftet, erstickt oder sogar lebendig begraben. Studien zeigen, dass Eltern Mädchen nicht nur schlechter ernähren, sondern auch bei ihrer ärztlichen Behandlung sparen.

Quelle: RP


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