Hillarys Hoffnung
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 15.11.2008Ein Flug Hillary Clintons nach Chicago hat heftige Spekulationen ausgelöst: Wird sie Barack Obamas Außenministerin?
Washington Manchmal kann ein einziger Flug eine ganze Lawine von Spekulationen auslösen. Hillary Clinton ist diese Woche nach Chicago geflogen, und niemand glaubt, dass sie es tat, um den Ort ihrer Kindheit zu besuchen – Park Ridge, ein gepflegtes Städtchen vor den Toren der Metropole. Im Häusermeer Chicagos sitzt Barack Obama, um sein Kabinett zu zimmern. Weshalb Clintons Ausflug in die „Windy City“ sofort die Frage aufwarf: Wird sie die neue Mrs. Foggy Bottom?
Der Name steht für ein Viertel, das am Rande Washingtons so dicht am Ufer des Potomac liegt, dass es an nassen Tagen oft in die Nebelschwaden gehüllt ist, die vom Fluss in Richtung Stadt ziehen. In Foggy Bottom steht das Außenministerium, ein hässlicher Betonwürfel. Und falls etwas dran ist an den Gerüchten, könnte Hillary Clinton Condoleezza Rice dort im Januar in der Chefetage beerben.
Bestätigen will es vorläufig niemand, dementieren aber auch nicht. Clintons Büro verweist kryptisch darauf, dass nur Obamas Büro befugt ist, etwas zur Regierungsbildung zu sagen. Obamas Büro wiederum macht es sehr kurz: „Kein Kommentar“. Egal, Insider glauben, verlässlich herausgefunden zu haben, dass sich etwas zusammenbraut.
„Frau Clinton wird ernsthaft in die engere Wahl gezogen. Manche bezeichnen sie sogar als Favoritin“, vermeldet Mike Allen, einer der Bestinformierten unter den US-Journalisten, den Wasserstand. Zumindest, fügen Spötter hinzu, wird Hillary kaum den 63-Punkte-Fragebogen beantworten müssen, den ausfüllen muss, wer sich um einen Kabinettsjob bewirbt. Es ist ein Katalog, der alles Bisherige in Sachen Gründlichkeit weit übertrifft.
Siehe Punkt 13: Wer jemals eine E-Mail versandte, die „für Sie, Ihre Familie oder den gewählten Präsidenten eine eventuelle Quelle der Peinlichkeit sein könnte“, möge sie bitte genau beschreiben. Wie lautete einst Hillarys Standardargument gegen den Newcomer Obama? „Ich bin schon durchleuchtet, mit mir kann es keine Überraschungen geben.“
Welchen Posten die 60-Jährige auch immer bekommt, außer Frage steht, dass Obama sie in irgendeiner Weise einbeziehen muss. Das gebieten Fairplay und Weisheit zugleich. Seit ihre parteiinterne Niederlage besiegelt war, hat sich Clinton ohne Wenn und Aber hinter ihren Konkurrenten gestellt. Es begann Ende Juni mit einem gemeinsamen Auftritt in einem Dorf namens Unity. Es endete Anfang November, am Tag vor dem Votum, als die Unterlegene zum letzten Mal die Reklametrommel für ihren Bezwinger rührte. Dafür, fordern ihre Anhänger, hat sie eine Belohnung verdient.
Im August, als Obama an ihrer Stelle den Senatsveteranen Joe Biden zu seinem Vize kürte, machten Clintons Fans aus ihrer Enttäuschung kein Hehl. Und für den Fall, dass sie weiter übergangen wird, zeichnet man in „Hillaryland“ schon die ersten Umrisse einer Drohkulisse.
Theoretisch kann die hervorragend vernetzte Politikerin dem neuen Star ein paar dicke Knüppel zwischen die Beine werfen. Im Senat, wo Clinton den Bundesstaat New York vertritt, könnte sie eine Art überparteilicher Opposition gegen Obama organisieren. Sicher nicht gleich, vielleicht aber später. Die Parlamentschronik ist voll von Anekdoten, die davon handeln, wie prächtig sich die frühere First Lady mit dem Senior-Senator Arizonas versteht, einem gewissen John McCain. Bei einer Reise ins Baltikum sollen sich die beiden vor Jahren einen feuchtfröhlichen Wettkampf geliefert haben; es ging um das schnellstmögliche Kippen randvoller Wodkagläser.
Hillary als stille Rivalin – es ist eine Option, die dem neuen Mann gar nicht behagen kann. Kein Wunder, dass ein halbes Dutzend möglicher Versöhnungsszenarien zirkuliert. Der künftige Präsident Obama, geht eines, könnte die studierte Juristin als Höchstrichterin in den Supreme Court berufen, auf einen Posten auf Lebenszeit. Oder aber er reserviert ihr einen guten Platz in seinem „Großen Zelt“, einer Administration, unter deren Plane viele Flügel Platz haben sollen. Passend dazu macht die Geschichte von Obamas Lieblingslektüre die Runde. Das Buch heißt „Team of Rivals“ und handelt von Abraham Lincoln. Nach eigenen Worten imponiert dem nächsten Präsidenten, wie geschickt es Lincoln verstand, frühere Kontrahenten einzugliedern, wie offen er für Widerspruch war. Es klingt wie ein Leitfaden für Obamas Handeln, für den demonstrativen Schulterschluss mit Hillary Clinton. Dann aber darf er ihr kein zweitrangiges Ministerium anbieten, es müsste schon eines der drei Schlüsselressorts sein: Auswärtiges, Finanzen, Verteidigung.
Logisch, dass vor diesem Hintergrund schon ein einziger Flug nach Chicago reicht, um die Gerüchteküche brodeln zu lassen. Das Magazin „Politico“, so etwas wie die Bibel des amerikanischen Politikbetriebs, zitiert anonyme Obama-Berater, die in einer Außenministerin Clinton einen enormen Prestigegewinn sehen. „Sie können John Kerry oder Chuck Hagel ins Ausland schicken. Oder aber Sie schicken Hillary Clinton. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.“
Kerry und Hagel, Demokrat der eine, Republikaner der andere, gelten als aussichtsreiche Anwärter auf das State Department.
Was aber beiden fehlt, ist die Strahlkraft einer weiblichen Galionsfigur, die man in vielen Ländern kennt und verehrt.
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