kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast

Hauptschulen kämpfen ums Überleben

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 20.04.2010 - 02:30

Immer weniger Eltern melden ihre Kinder an einer Hauptschule an. Das hat Folgen für die Politik – längst ist die Hauptschule nicht mehr unantastbar; nur die CDU verteidigt die Schulform. Die Landtagswahl ist auch eine Entscheidung über die Zukunft der Hauptschulen. Zwei Ortstermine.

Duisburg/Düsseldorf Heinz-Dieter Peters ist keiner, der viel lacht. Nicht, wenn er von seinem Beruf erzählt. Peters, 57, leitet die Gottfried-Könzgen-Hauptschule in Duisburg – bis zum Sommer. Dann wird die Schule geschlossen. Es gibt nicht genug Schüler, um sie weiterzuführen. Seit 2008 hat die Schule nicht genug Anmeldungen, um auch nur eine fünfte Klasse zu bilden. "Irgendwann bricht die große Stille aus", sagt Peters. Seine Schule hat diesen Zeitpunkt lange hinter sich: 120 Schüler hat Peters noch, vor zehn Jahren waren es fast 300.

Zum neuen Schuljahr werden die Schüler auf andere Hauptschulen verteilt, die meisten gehen zur drei Kilometer entfernten Gneisenau-Schule. Die Klassen werden geschlossen umziehen, auch die Klassenlehrer-Teams bleiben erhalten. Das hat Peters gegenüber der Stadt durchgesetzt. "Die Schüler können sich das noch gar nicht richtig ausmalen", sagt Beate Ahlmann, 56 Jahre alt und Klassenlehrerin der neunten Klasse. Ein oder zwei Treffen mit den Schülern der neuen Schule soll es vor den Ferien geben.

***

Vierte Stunde. Auf dem Plan der Wilhelm-Ferdinand-Schüßler-Tagesschule in Düsseldorf steht Pantomime. Die Sechstklässlerinnen trainieren Mimik und Gestik. Einen Schwarzfahrer sollen sie darstellen, der erwischt wird – echtes Leben, kein klassisches Schulfach. "Aber es schult die Konzentration und fördert die Kreativität", sagt Elena Basyuk (29). Sie kommt von der Initiative "Teach First", die junge Pädagogen an Brennpunktschulen schickt. Auch für Pantomime. Die Schule hat sich um das Programm beworben. "Die Kinder arbeiten, aber sie merken es nicht", sagt Basyuk.

Seit 2006 arbeitet die Schule im verlässlichen Ganztag. Das heißt: Über Mittag wird kein Kind nach Hause geschickt. 2009 hat die Schule auch ihren Namen "Hauptschule Rather Kreuzweg" abgelegt. Pate ist seither der Düsseldorfer Unternehmer Willi Schüßler. "Hauptschule" heißt die Hauptschule nicht mehr. "Der Begriff ist zu negativ belegt", sagt Rektorin Gabriele Georg (51). Aber sie sagt auch: "Es bewegt sich was." Unter anderem dank zweier Sozialarbeiter, die Streit schlichten oder schwache Schüler fit machen für den Beruf. Schüßler hat fast 300 Schüler, 60 Prozent davon mit Migrationshintergrund, und 30 Anmeldungen fürs nächste Schuljahr. Das reicht, um weiterzubestehen.

***

2008 hat Schulministerin Barbara Sommer (CDU) eine "Qualitätsoffensive Hauptschule" ausgerufen. Die Schüßler-Tagesschule zeigt, wie das Land die Hauptschulen retten will: mit mehr und intensiverer Betreuung, mehr Ganztag, mehr Unterricht. Nachmittags gibt es zum Beispiel für Problemschüler verpflichtenden Förderunterricht.

Längst ist das Modell Hauptschule politisch nicht mehr unantastbar. SPD, Grüne und Linke wollen eine gemeinsame weiterführende Schule, höchstens mit eigenen Hauptschulklassen; auch die FDP tritt mit der "Regionalen Mittelschule" mindestens auf mittlere Sicht für eine Abkehr ein. Einzig die CDU verteidigt die Hauptschule. Sommer sagt, die "Qualitätsoffensive" wirke. Heute sei fast jede zweite Hauptschule Ganztagsschule. Dort seien die Anmeldezahlen stabil.

***

Insgesamt aber hält der Schwund an. Duisburg rechnet für 2015 noch mit 230 Hauptschul-Fünftklässlern. Das wären fast 60 Prozent weniger als 2008. "Woher sollen die Schüler noch kommen?", fragt Schulleiter Peters. "Wer meldet sein Kind noch freiwillig an einer Hauptschule an?" Die Situation scheint ausweglos. "Manchmal weiß ich nicht mehr, wie die Hauptschule noch funktionieren könnte", sagt Peters. Eins jedenfalls sei klar: Weniger kopflastig müsse sie sein und mehr Praxisbezug bieten, über Tagespraktika vielleicht. "Müssen Hauptschüler unbedingt Englisch lernen? Und warum wird nicht im Unterricht mal ein Klassenraum renoviert – von der Planung über den Einkauf bis zum Streichen?"

Die Ansprüche im Alltag sind niedriger: Dieses Jahr sei keiner der Neuntklässler aus dem Praktikum geflogen, heißt es an beiden Hauptschulen. Das sei ein Erfolg.

***

Während die Mädchen der Klasse 6 an der Schüßler-Tagesschule Pantomime lernen, toben die Jungen durch die Sporthalle. Hier werden überschüssige Energien kanalisiert und latente Aggressionen in Bewegung umgewandelt. Eine Hälfte der Schüler muss einen Hindernis-Parcours bewältigen, während die andere Hälfte versucht, die Läufer abzuwerfen. Zu Beginn kommt kaum einer durch. Aber die Läufer beißen die Zähne zusammen, legen einen Zahn zu, und am Ende kommt tatsächlich eine ganze Reihe ins Ziel. Konrektor Jürgen Hilger-Höltgen (52) schaut sich das an und lächelt. "Das ist es, was wir hier machen", sagt er. "Wir kämpfen. Jeden Tag."

Die Reihe wird fortgesetzt: Bis zur Landtagswahl untersucht unsere Zeitung die wichtigsten Felder der Landespolitik.

Quelle: Rheinische Post

 
 
Artikel der Rubrik Politik
 
 
Links zu diesem Artikel
 
Anzeige

Zu Besuch im Elysée-Palast
Zu Besuch im Elysée-Palast
Der Pariser Elysée-Palast dient als pompöse .. mehr 
 
Zu Besuch im Elysée-Palast
Zu Besuch im Elysée-Palast
Der Pariser Elysée-Palast dient als pompöse ..
mehr 
Die Paukenschläge des Oskar Lafontaine
Die Paukenschläge des Oskar Lafontaine
Oskar Lafontaine hat in seiner politischen ..
mehr 
Alexis Tsipras zu Gast in Berlin
Alexis Tsipras zu Gast in Berlin
Der Linkspopulist Tsipras ist weltweit zum ..
mehr 
Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Euro-Buchs
Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Euro-Buchs
Der frühere SPD-Finanzsenator und Bundesbanker Thilo Sarrazin hat sein ..
mehr 

EU-Gipfel plant Erklärung

Griechenland soll in der Eurozone bleiben

Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen bei ihrem Gipfeltreffen versichern, dass Griechenland in der Eurozone bleiben soll. Umgekehrt müsse sich das krisengeschüttelte Land aber auch an gegebene Zusagen halten, sagte Diplomaten am Mittwoch ... mehr

 

EU-Sondergipfel am Abend in Brüssel

Kräftemessen zwischen Merkel und Hollande

Bislang konnte sich die deutsche Kanzlerin auf den EU-Gipfeln meist durchsetzen, auch dank der Schützenhilfe von Nicolas Sarkozy. Doch das Abendessen heute in Brüssel dürfte ein erstes Kräftemessen zwischen Merkel und Hollande auf EU-Ebene werden. Von Dana Schülbe  mehr

 

Berliner Staatsanwaltschaft

Ermittlungen gegen Wulff abgeschlossen

 

Interview mit Politikwissenschaftler

Langguth: CDU ohne Alternative zu Merkel

 

Anleihenauktion spült Milliarden in Staatskassen

Deutschland leiht sich Geld zum Nulltarif

 

Kipping und Schwabedissen kandidieren

Die Frauen in der Linken wollen es richten

 

Kosten auf bis zu eine Billion Euro geschätzt

Griechenland: Euro-Austritt denkbar

 
Top-Services